Berlin : Da kannste nich’ meckern – oder doch?

Reine Mentalitätssache: Ein Pro und Contra zur Frage, ob Berlin freundlicher werden muss

Brigitte Grunert

Dem Berliner kann keener, dem Berliner könnse alle mal. Reine Mentalitätssache. Wir sind wer, wir sind großartig, wir haben Krisen gemeistert am laufenden Band. Wir waren schon Weltstadt, als andere noch gar nicht wussten, was das ist. Wir waren auch etwas Besonderes, als wir zwischenzeitlich in zwei Städtchen lebten. Nun machen wir daraus erst recht etwas Besonderes, eine Metropole. Nein, uns muss keiner Haltung und Benimm beibringen. Wäre ja noch schöner.

Oder muss Berlin etwa doch freundlicher werden? Das war die Frage, die uns in der vergangenen Woche beschäftigte, als vier Berliner Hotels wegen ihres besonders zuvorkommenden Services ausgezeichnet wurden. Grundsätzlich aber ist der Berliner respektlos und frech. Das ist nun mal seine Natur. Er hält sich nicht mit Höflichkeit auf, geschweige denn mit Diplomatie. Aber keine Sorge, er meint es nicht so. Es soll Zugereiste geben, die anfangs schockiert sind über die große Klappe, die Schnodderschnauze. Doch weiß der liebe Himmel, warum sie sich hier rasch gut aufgehoben fühlen. Es muss wohl mit der hiesigen Variante des Humors zu tun haben, mit der Ironie – und der Selbstironie.

Der Berliner sagt nicht: Bitte, treten Sie doch ein, was kann ich für Sie tun? Er sagt: Rin inne jute Stube. Wo brennts denn? Der Berliner kennt keine Distanz. Darin ist er arglos. „Mein lieber Scholli, Kleene“, sagt der Beamte am Schalter. „Frage zehn ham Se nich ausjefüllt. Nächstes Mal besser aufpassen.“ Die „Kleene“ ist eine in die Jahre gekommene Frau und wehrt sich: „Zum Aufpassen sind Sie ja da, und Sie könnten etwas freundlicher sein.“ – „Sie ooch!“, kontert er. Rums, so schnell kann man aneinander geraten. War was? I wo, nicht so gemeint.

Verkaufspersonal fühlt sich belästigt, wenn die Kundschaft auch noch beraten werden will. Noch nie etwas von Selbstbedienung gehört? Der linkische Weißkittel im Supermarkt lässt sich nicht beim Einräumen des Regals stören, obwohl eine Kundin ran will. Er merkt gar nicht, dass er obendrein pampig wird: „Sagen Se doch ’n Ton!“ Ach, und die Autofahrer. Und die Radfahrer. Sie könnten die Ruppigkeit erfunden haben.

Man trifft in dieser ewig aufgeregten Stadt, aber auch die ausgesucht Höflichen, deren geduldige Hilfsbereitschaft unendlich groß ist. Oder auch die mit dem Mutterwitz. „Kommt sofort, der Wirt brät heute uff zwee Pfannen“, wurde ich in einem Imbisslokal vertröstet.

Aber meckern bleibt doch die größte Lust der notorisch rebellischen Berliner. Sie meckern über alles. Über die Politik und die Zeitumstände und jeder mit jedem. Nu wern Se mal nich komisch, sonst werde ick komisch! Schon gut, selbst die Drohung enthält ein Quentchen Ironie. Dem entspricht das größtmögliche Lob: Da kannste nich meckern. „Die Berliner sind herzensgut, man muss sie bloß verstehen“, pflegt die Nachbarin zu sagen.

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