Berlin : „Da klebt noch ein Atom“

Vor 20 Jahren erlangte die städtische Strahlenmessstelle traurige Berühmtheit Noch heute kontrolliert sie, noch immer muss ihr Leiter Leute beruhigen

Christian van Lessen

Bernd Leps öffnet den „Castor“-Behälter, blickt auf einen braunen Brei: Tegeler Gefängniskost. Die zusammengestampfte Tagesration pro Häftling untersuchen Leps und seine Mitarbeiter regelmäßig als „Berliner Gesamtnahrung“. Diesmal sind in dieser Konservendose, die sie „Castor“ nennen, Buletten, Gemüse, Kartoffeln vermengt, Brot und Obst. Der Brei wird in den Labors durchgedreht, getrocknet, verbrannt und dann drei Tage lang in bleiummantelten Detektoren untersucht. Das Essen sei stets unbedenklich, sagt Leps, der die Berliner Strahlenmessstelle in Friedenau leitet. Sie kontrolliert routinemäßig. Das Strahlenschutzgesetz schreibt es so vor.

Ihre Labors erinnern an eine Küche. Da wird gestampft, gekocht, geschüttet, und wenn ein Rest in irgendeinem Topf übrig bleibt, frotzeln die Mitarbeiter: „Da klebt noch ein Atom.“ Die Tegeler Knastkost wird, wie auch das Essen aus Krankenhäusern, einmal monatlich stellvertretend für das Berliner Essen gemessen. Das ist organisatorisch am einfachsten.

Vor 20 Jahren war die Strahlenmessstelle stadtbekannt. Täglich wurden nach dem Reaktorunglück ihre Ergebnisse veröffentlicht. Über 1000 Proben im Monat wurden untersucht. Die West-Berliner kauften nach Messwerten ein, verschmähten fortan Pilze, Waldbeeren, Haselnüsse oder Wildschwein, das damals Cäsiumwerte von 147 Bequerel (Bq) pro Kilo aufwies – nach heutigen Erkenntnissen unbedenklich. Heute strahlt das Berliner Wildschwein mit 58 Bq.

Die „Gesamtnahrung“, die regelmäßig untersucht wird, bringt es auf weit unter 1 Bq Cäsium 137 pro Tag und Person. Erst beim Grenzwert von mehr als 600 Bequerel müsste die Messstelle Alarm schlagen. Berliner Wildschwein mit Pilzen und Preiselbeeren würde Leps ohne Bedenken essen. Er ist Naturwissenschaftler, ein Mann der Zahlen und nachweisbaren Fakten – die hiesige Angst damals vor radioaktiver Verseuchung hat er nicht verstanden.

Er war 1986 Hochschulassistent, ein Tutor kam aus Angst vor den Folgen des Reaktorunfalls nicht aus dem Urlaub auf Teneriffa zurück. Leps blieb, ging als Chemiker zur Straßenmessstelle des Senats, die bis vor zwei Jahren an der Charlottenburger Soorstraße war. Jetzt sitzt sie, der Senatsverwaltung für Stadtentwicklung unterstellt, an der Rubens- Ecke Peter-Vischer-Straße in Friedenau. Im früheren Landesmedizinaluntersuchungsamt, das für den Umgang mit hochinfektiösen Krankheiten wie Pest und Cholera gebaut worden war. An der Eingangstür warnt kein Atomzeichen, nur der Satz: „Rauchst du noch oder lebst du schon?“ Der Chef ist Nichtraucher.

Nach Tschernobyl kamen viele Aufgeregte in die Messstelle, junge Mütter etwa, die Muttermilch untersuchen ließen und „dabei pafften wie die Blöden“, wie sich Leps erinnert. Oder es meldeten sich Bewohner undichter Dachgeschosse, die nach dem ersten Regen fürchteten, ihre Wohnung sei verstrahlt. Damals gab es noch keine gesetzlichen Grenzwerte. Die Messstelle wollte auf jeden Fall Panik vermeiden. Bis heute kommen Leute vorbei, die sich verstrahlt fühlen. Die Messstelle misst, versucht zu beruhigen. Und wenn das nicht hilft, empfiehlt sie den sozialpsychiatrischen Dienst. Kontrolliert werden vorrangig in Berlin hergestellte Lebensmittel, ferner Wasser-, Boden- und Pflanzenproben. Künstliche Radioaktivität, sagt Leps, war schon vor Tschernobyl im Essen, wegen jahrzehntelanger oberirdischer Atombombenversuche. Es gibt hin und wieder noch Schreckenswerte bis zu 40 000 Bequerel – von Wildschweinen in Bayern. Die Folgen von Tschernobyl aber waren nach Ansicht des Berliner StrahlenmessExperten für die Bevölkerung der Stadt sehr gering. Die Belastung glich der Strahlung bei einem Transatlantikflug.

Die Messstelle kontrolliert auch „Dosimeter“, die medizinisches Personal oder Mitarbeiter des Hahn-Meitner-Instituts in Wannsee zur Kontrolle der Stahlenbelastung bei sich tragen. Auch die Zugänge zum Forschungsreaktor werden ständig untersucht. „Kein Grund zur Sorge,“ sagt Leps. Er ist auch Leiter der Berliner „Atomaufsicht“. Der Katastrophenschutzplan, der in seinem Amt aushängt, zeigt einen Punkt mit Kreisen drumherum. Sie markieren Sperr- und Schutzzonen. Der Punkt im Zentrum ist das HMI.

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