Berlin : Da stand die Laterne, vor dem großen Tor

Einst war auf dem Gelände eine Kaserne – hier dichtete Hans Leip den Welterfolg „Lili Marleen“

Andreas Conrad

Irgendein Spitzname wird den Berlinern schon einfallen, wenn die Spione des BND einmal komplett nach Berlin ziehen. Sie mögen sich nun an der Chausseestraße niederlassen oder wo auch immer. Wenn wir Pech haben, wird es wieder nur was mit Schlapphüten. Mit Glück aber erhält die Agentenzentrale auf dem Gelände des ehemaligen Stadions der Weltjugend einen Namen von größerem Witz, ebenbürtig dem, der vor einem Jahrhundert für das heute brachliegende Areal galt: Maikäferkaserne.

Das zielte auf die dortigen Garde- Füsiliere. Woher der Spitzname kam, ist nicht ganz klar. Wegen der Uniformfarben der Füsiliere, lautet eine Erklärung; eine andere, dass zuvor dort stationierte Infanteristen immer zur Flugzeit der Maikäfer nach Potsdam zum Exerzieren ausrücken mussten, das Spottwort habe sich auf die Garde-Füsiliere übertragen. Ein ehemaliger „Maikäfer“ schließlich, der Dichter Hans Leip, vermutete, dass sein Regiment mal bei einer Maikäferplage eingesetzt wurde. Jedenfalls hat man ihn und seine Kameraden, wo immer sie auftauchten, „mit einem sumsenden ,Bs‘ begrüßt“.

Wenngleich der hübsche Name heute kaum jemandem geläufig ist – die Kaserne kennt die ganze Welt. Zu danken ist das einem Lied von Leip: „Vor der Kaserne/vor dem großen Tor,/stand eine Laterne,/und steht sie noch davor…“ Genau genommen war es nur der Seiteneingang der Kaserne an der Kesselstraße (heute Habersaathstraße), an dem Leip in der Nacht vom 3. auf den 4. April 1915 Wache schob und dabei die Strophen ersann, die rund 25 Jahre später, mit der Musik von Norbert Schultze, zum alle Fronten überschreitenden Soldatenlied des Zweiten Weltkriegs wurde.

Leip war kurz vor dem Abrücken an die Front für einen Offizierslehrgang ausgewählt worden, durfte sich daher privat einquartieren. Er bezog ein Zimmer in einem Haus gegenüber dem heutigen Deutschen Theater. Unten gab es einen Gemüsekeller, „dort hantierte zwischen Kartoffeln, Sauerkraut und Flaschenbier jung, braungelockt, glutäugig und agil Betty-Lili“, wie er sich erinnerte. An den „geschmeidigen Linien der Gemüsetochter“ durfte sich ein Kamerad erfreuen – Leip hingegen lernte in der Nationalgalerie eine große Blonde „mit genehmen Kurven“ kennen: Marleen, Tochter eines Militärarztes und Hilfsschwester in einem Lazarett, ein selbstbewusstes und sinnenfrohes Mädchen, wie er bald erfahren durfte.

Es müssen angenehme Wochen gewesen sein – dann kam die Nacht auf den 4. April, unmittelbar vor dem Abmarsch gen Osten. Marleen war vorbeigekommen, auch Lili hatte ihm einen wehmütigen Abschiedskuss gegeben. So verschmolzen sich im Trapp-Trapp seiner Stiefel, während er unter der Laterne hin und her trottete, die beiden Frauennamen zu einem, zu „Lili Marleen“. Wiedergesehen hat er beide nicht.

Die Maikäfer haben wiederholt eine Rolle in der Berliner Geschichte gespielt: Am 16. Oktober 1906 unterstellte der Schuster Friedrich Wilhelm Voigt in Hauptmannsuniform von der Straße weg einen Trupp Garde-Füsiliere seinem Befehl, um das Rathaus Köpenick zu besetzen. Blutig endete dagegen der 9. November 1918, als die Kaserne von demonstrierenden Arbeitern gestürmt wurde. Die Mehrheit der Soldaten solidarisierte sich mit den Revolutionären, ein Offizier aber ließ schießen. Es starben drei Männer, darunter der Arbeiter Erich Habersaath.

Heute ist die Kaserne längst Geschichte. Das Gelände ist unbebaut und grün – und die Maikäfer haben wieder eine Chance.

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