Berlin : Da staunt die junge Braut: Bei Paech-Brot wird gebaut

Investor will Moabiter Problemkiez mit Hotel und Einkaufszentrum beleben – wenn der Senat mitspielt

Stefan Jacobs

Die Original-Don-Kosaken und der Magier Hans Klok sind die Letzten, die noch an den ergrauten Mauern der einstigen Moabiter Paech-Brot-Fabrik hängen – in Plakatform zumindest. Seit dem Wegzug der Großbäckerei vor mehr als zehn Jahren ist der Ofen aus, die knapp 15 000 Quadratmeter große Brache im Dreieck zwischen Stephan-, Birken- und Havelberger Straße vergammelt. „Die Gegend war schon früher tot – und es wird immer schlimmer“, sagt der Mann im Zeitungskiosk am Stephanplatz, der seinen Laden gern verkaufen würde, aber nicht loswird. Paech war bis in die späten 1980er Jahre eine West-Berliner Institution, bekannt vor allem durch die bemüht witzigen Werbesprüche in den U-Bahnen („Beim Ja-Wort schweigt die junge Braut, weil sie noch schnell ein Paech-Brot kaut“). 1986 wurde das Familienunternehmen an die Großbäckerei Wendeln verkauft.

Nachdem bisherige Wiederbelebungsversuche für das Gelände – Schule, Kino, Kiezzentrum, Kaufhaus – meist in frühen Stadien scheiterten, sind die neuesten Nutzungspläne weit gediehen. Der Investor, die Firma Wanzl aus Ulm, will an der Westspitze des Geländes ein Etap-Hotel errichten; dahinter soll nach den Plänen von Architekt Sergej Tchoban ein Einkaufszentrum mit „Kaufland“, Elektronik-Fachmarkt und Möbelladen entstehen. Hinzu kommen eine Hand voll kleinere Läden, Wohnungen und eher schlichte Restaurants. Die Investoren versprechen rund 200 Arbeitsplätze. Außerdem ist ein großes Parkhaus geplant, auf dessen Dach ein Park sowie ein Bowlingzentrum und ein Fitnessstudio entstehen sollen.

„Die Verträge mit den Ankermietern, also den Großen, sind unterschriftsreif“, sagt Anwalt Clemens Lammek, der das Vorhaben juristisch begleitet. Die jetzigen Pläne seien eine einmalige Chance für den sozial schwachen Kiez, in den man sonst kaum Investoren locken könne. Lammek warnt den Senat davor, das 70-Millionen-Euro-Projekt aus Rücksicht auf die nahe Turmstraße zu blockieren: Diese sei als Einkaufsmeile ohnehin nicht mehr zu retten. Auch sei das Vorhaben schon bis an die wirtschaftliche Schmerzgrenze „heruntergeknautscht worden“; angesichts der wenig attraktiven Umgebung würden die Mieter eher abspringen, als kleinere Geschäfte zu eröffnen.

Mit diesen deutlichen Worten wollen die Investoren den Senat offenbar von neuen Forderungen abhalten. „Wir hatten Jahre lang damit zu kämpfen, dass bei den Behörden immer die Ampel auf Rot ging“, sagt Lammek. Man habe mehr als ein Dutzend Gutachten anfertigen lassen müssen, um Bezirksamt und Senat von Sinn und Kiez-Verträglichkeit der Pläne zu überzeugen.

Mittes Baustadträtin Dorothee Dubrau (Grüne) hat zwar nach wie vor Bedenken wegen der Auswirkungen des Großprojektes auf die Umgebung, aber der Bauausschuss des Bezirkes hat die Pläne inzwischen abgenickt. Der Senat hat laut einer Sprecherin von Stadtentwicklungssenator Peter Strieder (SPD) „noch keine abschließende Haltung“, hätte das Projekt aus Rücksicht auf die nahe Turmstraße aber gern eine Nummer kleiner. Bis Mitte März erwarten die Beteiligten eine offizielle Stellungnahme. Auch der Abriss der Fabrikruine könnte demnächst beginnen. Vor dem Beginn des Neubaus müssen allerdings noch allerlei Planungshürden genommen werden, so dass vor 2005 wohl kein Kran anrücken wird. Auch die Bürgerbeteiligung steht noch aus. Eine Anwohner-Initiative hat allerdings bereits Zustimmung signalisiert. Und der Mann im Zeitungskiosk am Stephanplatz kann es kaum erwarten, dass der toten Gegend wieder Leben eingehaucht wird.

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