Berlin : Däingis Xan

Dschingis Khan

Christian Schröder

Um zu wissen, wer Dschingis Khan war, muss man kein Mongole sein. Es reicht, einen Plattenspieler zu besitzen. „Sie ritten um die Wette mit dem Steppenwind, tausend Mann – Ha, Hu, Ha / Und einer ritt voran, dem folgten alle blind: Dschinghis Khan – Ha, Hu, Ha / Die Hufe ihrer Pferde, die peitschten im Sand, sie trugen Angst und Schrecken in jedes Land / Und weder Blitz noch Donner hielt sie auf – Hu, Ha.“ So sangen 1979 sechs junge Deutsche, die sich „Dschinghis Khan“ (mit exotischem h hinter dem g) nannten und aussahen, wie sie reimten: fürchterlich. Sie trugen verwegen geföhnte Vokuhila-Frisuren und kniehohe Kosakenstiefel, ihre Satin-Uniformen schillerten in allen Farben des Schreckens, einer war glatzköpfig und tanzte derwischartig um die anderen herum. Trotzdem belegten Dschinghis Khan mit „Dschinghis Khan“, das der Münchener Schlagermogul Ralph Siegel mit flotten Discostampf-Rhythmen unterlegt hatte, beim Finale des Grand Prix Eurovision de la Chanson einen beachtlichen vierten Platz. Das Finale fand in Jerusalem statt, vorher debattierten deutsche Zeitungen darüber, ob es sonderlich geschmackvoll sei, ausgerechnet in Israel eine mongolische Mörderhorde zu besingen.

Schon lange hat der „Osten“ einen festen Platz in der deutschen Popkultur: Das Klischee schwankt zwischen der Angst vor einem „Reich des Bösen“ und der Bewunderung der Ý russischen Seele. Serge Jaroff und sein Original-Don-Kosaken-Chor flohen in den Dreißigerjahren vor Stalin in den Westen und trauerten fortan ihrer Heimat mit schwermütigen Wolga-Weisen hinterher. Später übernahm der Berliner Bass-Bariton Hans Rolf Rippert das Erfolgsrezept und setzte sich eine Pelzmütze auf, seither heißt er Iwan Rebroff. Alexandra, die Diseuse mit der Prinz-Eisenherz-Frisur, gab in der Apo-Ära der Entspannungspolitik eine rauchig-dunkle Stimme. Ihre Hits handelten von Balalaika-Spielern oder Matrosen aus Odessa. „Sehnsucht“, wusste sie, „heißt ein altes Lied der Wolga.“ Doch erst mit „Dschinghis Khan“ erreichte die Russophilie im deutschen Schlager ihre letzte Stufe: Mit den „Ha, Hu, Ha“- und „Ho, Ho, Ho“-Ausrufen am Strophenende wurde die Furcht vor der Roten Armee und ihren SS 20-Raketen einfach weggelacht.

Was man über Dschingis Khan, den Mongolenführer des 12. Jahrhunderts, wissen muss, bringt der Song in einem Paarreim auf den Punkt: „Er zeugte sieben Kinder in einer Nacht / Und über seine Feinde hat er nur gelacht.“ Hu, ha!

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