Berlin : Dänische Natur

Gitte Hænning feiert im Tipi-Zelt ihr 50-jähriges Bühnenjubiläum – und bringt zwei neue Alben raus. Darin entdeckt die Wahl-Berlinerin ihre skandinavischen Wurzeln wieder

Heidemarie Mazuhn

Am Mittwoch hatte sie ihren ersten freien Tag seit mehr als vier Wochen. Daheimbleiben wollte sie da mal und in ihrer Wohnung am Rande Ost-Berlins lesen und Briefe schreiben. Letzteres macht Gitte Hænning handschriftlich, obwohl gerade die rechte Hand in dieser Woche so mächtig von Arthrose geplagt war, dass sie damit nicht mal guten Tag sagen konnte. Ihren Computer hat sie aber ihrer schwerkranken Freundin in Kopenhagen überlassen.

Dort machte sich „Gitte“ – so ist die Sängerin seit nunmehr 50 Bühnenjahren in Deutschland und Skandinavien gleichermaßen bekannt – zu ihrem Jubiläum in diesem Jahr selbst ein doppeltes Geschenk. Sie nahm in ihrer Heimatstadt Kopenhagen ein neues Album auf. Und da sie nach eigenen Worten nicht gut warten kann und es außerdem sich und ihrem Publikum zu ihrem 50-jährigen Bühnenjubiläum mal wieder richtig beweisen wollte, kann man sich Gitte jetzt gleich doppelt mit nach Hause nehmen – mit dem Pop-Album „Johansson“ und dem Live-Album „Jazz“. Und damit sich dieser künstlerische Kraftakt auch herumspricht, ist die Dänin mit dem fransigen Blondschopf, den sie gern mit einer umgedreht aufgesetzten Basecap verdeckt, augenblicklich auf Tour in eigener Sache und in doppelter Funktion: als Produzentin und als Künstlerin.

Es war der Vater, der Gitte mit zarten acht Jahren ins Showgeschäft brachte und sie zur familiären Hauptverdienerin machte. Der Vater war Schwede, hieß Henning Otto Thorup Johansson und war in Dänemark unter dem Namen Otto Henning zunächst als Volkssänger bekannt, später dann vor allem als Vater von Gitte. Die war 1946 in Dänemark das erste Mädchen, das auf diesen Namen getauft wurde. Später hießen Tausende Mädchen so. Gittes erste Schallplatte von 1954 hieß „Ich heirate Papi“.

Neun Jahre später sang sie „Ich will ’nen Cowboy als Mann“, und gewann damit beim Schlagerfestival 1963 in Baden-Baden auch ein Küsschen und Blumen von Marlene Dietrich. Über eine Million Mal wurde der Cowboy-Hit verkauft. „Vom Stadtpark die Laternen“ besang der neue Schlagerliebling gemeinsam mit Rex Gildo und die beiden wurden von den Plattenfirmen zum Traumpaar der 60er gemacht. Das habe aber nur auf der Bühne existiert, sagt Gitte, obwohl Rex Gildo ihr einen richtigen Heiratsantrag gemacht habe – mit Ring und allem. Ob es eine Publicitymasche war, weiß Gitte bis heute nicht. „Ich war naiv und glaubte, dass es ehrlich war.“ Verheiratet war sie später zwei kurze Jahre mit ihrem Manager Joe Geistler. „Heiraten war für mich nie wichtig“, sagte die 58-Jährige in der vergangenen Woche im „Manzini“ in der Ludwigkirchstraße.

Gitte lässt sich nur Tee und Wasser servieren. Außer mit ökologischer Kost hält sie sich augenblicklich mit vielen Vitamintabletten bei Kräften. „Ich bin ein Gesundheitsapostel“, verrät sie ihr Geheimnis für das noch immer jugendlich-kesse Aussehen. Vor allem auf Zink schwört sie, aber auch auf Meditieren und vor allem auf ihre Lieblingsdroge, das Tanzen. „Vorgestern habe ich die ganze Nacht getanzt“, schwärmt sie begeistert und träumt von einer Wohnung, groß genug, dass man tanzen kann.

Platz braucht sie auch für ihre Auszeichnungen, da kam in 50 Bühnenjahren viel zusammen – und alles immer mit Gold vorn ran: die Goldene Kamera, die Goldene Stimmgabel oder die Goldene Schallplatte. Auch 120 Fernsehshows in verschiedenen Ländern stehen auf der beruflichen Haben-Seite, der 8. Platz 1973 beim Grand Prix d’Eurovision und viele Filme, darunter „Liebesgrüße aus Tirol“. Ihren Frieden mit dem Vater hat sie 1997 auf der Bühne gemacht – „Jazz im Frack“ präsentierte sie damals mit dem 87-Jährigen in der Komischen Oper so erfolgreich, dass eine Tournee daraus wurde.

Am liebsten spricht sie im Moment aber von „Johansson“, dem neuen Album mit dem Namen des Vaters. Deutsch, englisch und schwedisch singt sie darauf und bewegt sich musikalisch von Folklore über Pop bis Rock. Sie hat mit „Johansson“ nicht nur einen Familiennamen, sondern auch ihre Wurzeln „zwischen Schweden und Dänemark“ wieder entdeckt. Dazu findet Gitte im Vorwort ihres Albums Worte, in denen ihre Sehnsucht nach dem Norden, nach Wind und Wasser durchklingen. Ganz gerührt wird sie, wenn sie das vorliest. „Ich fühle mich der Natur mehr und mehr verbunden“, sagt Gitte Hænning, „in die bunten Herbstblätter jetzt überall möchte ich mich am liebsten reinlegen.“

„Gitte Hænning und Jubiläum und Johansson“ vom 19. bis 21. November im Tipi-Zelt am Kanzleramt, Große Querallee, Karten kann man unter der Telefonnummer 0180-327 93 58 bestellen. Sie kosten zwischen 18,50 bis 36 Euro

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