Berlin : Dagoberts Fluch

Ex-Erpresser Arno Funke will seine Vergangenheit hinter sich lassen und veröffentlichte jetzt ein Buch mit eigenen Cartoons. Aber die Geschichte holt ihn immer wieder ein

Lars von Törne

Er kommt nicht los von der Ente. Vielleicht will er es nicht. „Ich könnte gut drauf verzichten – aber ich kann ja nun mal nicht vor meiner Geschichte weglaufen“, sagt Arno Funke beim Gespräch in einem Charlottenburger Café. Ein paar Straßen weiter lebt er mit seiner Freundin. Welch ambivalentes Verhältnis der einstige Millionenerpresser und heutige Satirezeichner zum Alter Ego „Dagobert“ hat, zeigt schon das Titelbild seines neuen Buches. Da hat der gelernte Schilder- und Lichtreklamehersteller den Enterich hingestreckt auf einem Küchentisch gezeichnet, ein Fleischerbeil steckt im Hals. Der Koch, der gierig das Messer wetzt, ist Funke selbst. „Ente kross“ heißt das Buch: knapp 40 Cartoons, die Funke für das ostdeutsche Satiremagazin „Eulenspiegel“ gezeichnet oder am Computer erarbeitet hat, dazu Kurzgeschichten – so etwas wie die Bestandsaufnahme eines Resozialisierungsversuchs mit Hilfe der Kunst.

Die Zusammenarbeit begann 1998, als Funke im Gefängnis Plötzensee das dritte von neun Haftjahren absaß. Zwischen 1988 und 1994 hatte er Sprengsätze in Karstadt-Häusern und im KaDeWe gezündet und von den Betreibern unter dem Decknamen „Dagobert“ rund eine halbe Million Euro verlangt. Am 22. April 1994 wurde er in einer Treptower Telefonzelle festgenommen. Eigentlich wollte der „Eulenspiegel“ gezeichnete Polizistenwitze haben. „Das habe ich natürlich abgelehnt“, sagt Funke. Stattdessen zeichnete er ein Bild, das es sogleich auf den Titel des Magazins schaffte: Helmut Kohl als Monster Godzilla, das Berlin verwüstet, dazu der Slogan „Kohlzillas Rache“.

Damit war der Ton vorgegeben, in dem nun Dutzende von Cartoons entstanden. Seit Funke im August 2000 auf Bewährung entlassen wurde, ist das Cartoonzeichnen sein Haupt-Broterwerb. Und mit dem „Eulenspiegel“ hat er offenbar das richtige Forum für seinen Humor gefunden. Funke mag’s derb und direkt, feine Ironie oder leise Andeutungen sind nicht seine Sache. „Satire soll nun mal überzeichnen“, sagt er. „Mich interessieren Brüche, absurde Situationen.“ Vielen seiner Bilder liegen Prominentenfotos und Computerbilder zugrunde, die Funke drastisch überzeichnet, gerne mit plakativen politischen Aussagen kombiniert. So verleiten auf einem Bild Gerhard Schröder und Joschka Fischer US-Präsident Bush zum Bauchtanz – mit einem Kanister Öl als Lockmittel.

Seine Jahre als Dagobert sieht Funke heute ganz pragmatisch, als ein Stück seiner Vergangenheit, mit dem er sich arrangieren muss. „Ich werde davon nie ganz loskommen“, sagt er. „Dafür war der Fall einfach zu ungewöhnlich und ist auch heute noch für die Medien zu schön.“ Obwohl er sich über manche Auswüchse der anhaltenden Faszination für Dagoberts Taten doch ärgert. So wie neulich, als bekannt wurde, dass er gemeinsam mit einer Hand voll anderer Ex-Gangster an einer britischen Spielshow teilnimmt, bei der wertvolle Gegenstände gestohlen werden sollen. „Dagobert klaut wieder“, stand daraufhin in einer Boulevardzeitung und Funke regte sich auf. Er habe doch nie geklaut, nur erpresst. Außerdem sei das längst Geschichte. „Ich verdiene mein Geld nicht mit Straftaten!“ Noch so eine Sache, die Funke aufregt, ist das Gerücht, er verdiene sich mit seinen Zeichnungen oder der vor einigen Jahren erschienenen Autobiographie „Mein Leben als Dagobert“ eine goldene Nase: „Ich habe im Monat gerade mal so viel wie ein Fleischfachverkäufer.“

Auch für die alten Opfer ist „ Dagobert“ ein Stück Vergangenheit, das nicht vergehen will. Der Karstadt-Konzern weigert sich bis heute vehement, Funkes Biographie in seine Buchläden zu stellen. „Mit jemandem, der uns so viel Schaden zugefügt hat, machen wir keine Geschäfte“, sagt Karstadt-Sprecher Michael Scheibe. Funke hat dafür nur bedingt Verständnis: „Es gibt immer Leute, die einem alles nachtragen.“

„Ente kross“, Eulenspiegel-Verlag, 80 Seiten, 14,90 Euro. Buchpräsentationen mit Funke: 16.4., 20 Uhr, Waschhaus Köpenick; 23.4., 20 Uhr, Restaurant Chocolat, Potsdam; 30.4., 19 Uhr, Bürgerhaus Altglienicke (Köpenick)

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