Berlin : "Dann sollte man zupacken"

Sebastian Pfütze

Acht Jahre ist es her, dass Alexa Hennig von Lange aus ihrer Heimatstadt Hannover nach Berlin gezogen ist. "In dem Jahr als Kurt Cobain starb", erinnert sie sich in ihrer persönlichen Zeitrechnung. Damals wohnte sie mit der besten Freundin am Schlesischen Tor, jobbte als Model, hegte aber insgeheim bereits den Wunsch zu schreiben. Einmal trat sie in einem Werbespot für Kabel 1 auf. Das hat irgendeinem Programm-Direktor gefallen, der sie darauf die Kindersendung "BimBamBino" moderieren ließ, zusammen mit zwei Stoffpuppen und einem radebrechenden Indio. "Das war eine komische Zeit", erinnert sie sich, "gut zum Geldverdienen, aber ich habe mich teilweise gefühlt wie eine Kleiderstange." Diese Erfahrung hat sie nur bestärkt, in Zukunft selbstbestimmt zu arbeiten.

Ihr Leben nahm Geschwindigkeit auf. Sie zog zur Hälfte nach München, wurde von Kindern auf der Straße erkannt und hatte ansonsten hauptsächlich mit fünfzigjährigen Fernseh-Entscheidern zu tun. Zu Beginn war es hart und einsam in der neuen Stadt. Aber es muss besser geworden sein. Denn es folgte die wilde Münchner Zeit, während der ihr Debutroman "Relax" entstand. Nun war sie plötzlich Autorin, Popautorin gar, wie man sie vorschnell betitelte. Obwohl "Relax" kein bisschen poppt. Wenn schon, dann rockt es. Das Buch sollte ihr Image nachhaltig prägen. Sie machte die Runde in Talkshows und war in Frauen-Magazinen kaum zu überblättern. Sie musste viel einstecken, weil sie ihre roten Locken allzu bereitwillig in die Fernsehkameras schüttelte und die Dinge gern etwas flapsig beim Namen nannte. Dabei wurde oft vergessen, dass sie ein wirklich gutes Buch geschrieben hatte. Dann wurde sie schwanger. Tochter Mia Luise war auf dem Weg und Alexa Hennig von Lange gerade dabei, ihr zweites Buch fertigzustellen. "Ich bins" ging etwas unter in der Kritik. Vielleicht war das Thema zu ähnlich, vielleicht der Erwartungsdruck zu groß.

Vor ein paar Monaten hat sie sich mit ihrem neuesten Buch "Ich habe einfach Glück" zurückgemeldet. Ein tragikomisches Familienportrait, vorgetragen im unnachahmlichen Tonfall der 15-jährigen Protagonistin.

Eine Moderatorinnen-Karriere, drei Bücher, Kolumnistin für den Tagesspiegel, eine Tochter und noch keine dreißig Jahre alt. Alexa Hennig von Lange ist der lebende Beweis dafür, dass man auch ohne Studium, oder vielleicht gerade ohne Studium, einiges erreichen kann.

Gestern nun hat Alexa Hennig von Lange geheiratet. Der Glückliche heißt Joachim Bessing, ist ebenfalls Autor und Herausgeber des Buches "Tristesse Royal". Kennen gelernt haben sich die beiden letzten Herbst auf einer Lesung in der Schicksalsstadt Hannover. "Joachim saß neben mir und hat einen Text von Sylvia Plath gelesen, der mit dem Satz endete: Willst Du sie heiraten, heiraten, heiraten?" erzählt sie, "Als Überleitungs-Geplänkel hab ich ihn dann gefragt, ob ich jetzt gleich antworten soll, oder später?" Aus Geplänkel wurde Ernst. "Obwohl noch nix lief, war es unausgesprochen irgendwie klar", sagt sie. Manchmal weiß man eben sofort, dass jemand wichtig sein wird im eigenen Leben. Und dann sollte man zupacken. Im Dezember ist Joachim Bessing zu ihr nach Berlin gezogen und im April beziehen sie eine gemeinsame Wohnung in Friedrichshain.

Und warum gleich heiraten? "Wenn man jemanden gefunden hat, mit dem man sein Leben verbringen möchte, ist heiraten doch naheliegend", findet Alexa Hennig von Lange. "Das ist doch ein Zeichen von Verbindlichkeit und dafür, dass man gemeinsam Verantwortung übernehmen will." Das sagt die gleiche Frau, die mal bei Harald Schmidt gewitzelt hat, sie werde ihr Baby verschenken, wenn es nervt. Aber vielleicht muss man unterscheiden zwischen der Marke Alexa Hennig von Lange, die uns schnippisch, mit einem Bullterrier auf der Brust, vom Buchcover anlächelt und in Fernseh-Shows provozierende Dinge von sich gibt und der Person Alexa Hennig von Lange, die sehr ernsthaft und diszipliniert drei Bücher geschrieben hat, nebenbei eine ausgesprochen wohlgeratene Tochter erzieht und im Leben überhaupt ziemlich romantische Ideale verfolgt. Diese frappierende Diskrepanz legt die Vermutung nahe, dass Alexa Hennig von Lange von ihrem eigenen Image gegängelt wird. Und es ist ihr zu wünschen, dass sie es schafft, diese Inkongruenz in Zukunft aufzuheben.

Alexa Hennig von Lange war schon immer fürs Heiraten. "Ich hätte auch schon früher geheiratet, wenn es sich ergeben hätte", sagt sie. Auch "Die Kleine" aus "Relax" erträumt sich eine Hochzeit mit ihrem Freund Chris. Ihrer Gefühlswelt entsprechend in was hautengem Grünen und in Las Vegas. Gestern ging es etwas bodenständiger zu. Erst förmliche Trauung im Standesamt Prenzlauer Berg, dann die Zeremonie in der Zionskirche und anschließend Schnitzel essen und feiern im Prater.

Wenn Alexa Hennig von Lange über ihr Leben mit dem neuen Mann erzählt, hört es sich nach trautem Familienglück an: "Wir gehen fast jeden Tag spazieren oder lesen uns gegenseitig was vor. Und abends wird gemeinsam gekocht." Manchmal backt Joachim Bessing, der mal Konditor gelernt haben soll, auch eine Schokotorte mit Mia Luise. Das klingt alles sehr entspannt, Relax Royal gewissermaßen. Und es scheint, als sei Alexa Hennig von Lange angekommen, wo sie schon immer hin wollte. Herzlichen Glückwunsch dazu und viel Glück.

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