Berlin : Danzig liegt in Neukölln

Von Blechtrommel bis Wende-Komödie: Neues Buch stellt Berliner Drehorte vor

Nana Heymann

Dass der Film „Good bye, Lenin!“ doch noch ein Erfolg werden würde, daran dürfte das Filmteam während der Dreharbeiten vor sechs Jahren mitunter gezweifelt haben. Eine Panne folgte der nächsten. Für die Szene, in der Schauspielerin Katrin Saß über die Karl-Marx-Allee in Mitte läuft und Genosse Lenin an ihr vorbeischwebt, war extra ein russischer Transporthubschrauber bestellt worden. Der machte aber schlapp, weil am Tag zuvor die Technik durch Regen beschädigt wurde. Später blieben gemietete Trabbis liegen, und schließlich wurde auch noch ein Gartenhaus von einer Horde Wildschweinen verwüstet. Ein Wunder, dass das Team den scheinbar verhexten Dreh nicht vorzeitig abbrach.

Anekdoten wie diese hat Autor Markus Münch nun in seinem Buch „Drehort Berlin – Wo berühmte Filme entstanden“ zusammengetragen; am heutigen Mittwoch stellt er das Ergebnis seiner Arbeit ab 19.30 Uhr im Café Quchnia in der Markgrafenstraße 35 in Mitte vor (Eintritt frei). In seinem Werk konzentriert er sich auf 30 Produktionen, darunter frühe Filme wie „Berlin-Alexanderplatz“ aus dem Jahr 1931, aber auch auf aktuelle Beiträge wie „Das Leben der Anderen“. Münch erzählt deren Entstehungsgeschichte, lässt Beteiligte zu Wort kommen, gibt Informationen zu den Schauplätzen. So erfährt man etwa, dass Regisseur Daniel Levy die Beerdigungsszene aus seinem Film „Alles auf Zucker!“ ursprünglich auf dem Jüdischen Friedhof an der Schönhauser Allee in Prenzlauer Berg drehen wollte. Dort hätte er aber kein Grab ausheben dürfen. So musste Levy auf den Jüdischen Friedhof in Weißensee ausweichen.

„Mein Leitmotiv war die Neugier“, sagt Autor Markus Münch. Seit Ende der 90er arbeitet der 33-Jährige als Journalist mit Schwerpunkt Film. Dabei ist ihm aufgefallen: „Kaum eine andere Stadt ist so dicht verfilmt worden wie Berlin.“ Für sein Buch musste er „viele Stellen abklappern“. Münch sprach mit Beteiligten, ging ins Bundesarchiv und besuchte das Filmmuseum. „Ich wollte mich auf zwei Arten von Drehorten konzentrieren: bekannte wie das Brandenburger Tor und unbekannte wie aus der ,Blechtrommel‘.“ Günter Grass’ Buch spielt in Danzig, Regisseur Volker Schlöndorff drehte aber in der Uthmannstraße in Neukölln.

Die Geschichten zu den einzelnen Filmen kann man nicht nur in Markus Münchs Buch nachlesen. Ab dem kommenden Sonnabend kann man sie sich auch real vergegenwärtigen – auf einer multimedialen Stadtrundfahrt. Während der Tour in einem mit Monitoren ausgestatteten Bus werden den Teilnehmern Filmausschnitte gezeigt, die dann angefahren werden. Für die Filmrundfahrt müssen sich die Interessenten knapp drei Stunden Zeit nehmen. Für insgesamt 30 Filme ist das nicht viel.

Markus Münch: „Drehort Berlin“, 227 Seiten, erschienen im Be.bra Verlag, 19,90 Euro. Infos zur Stadtrundfahrt unter www.videobustour.de

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