Berlin : Darauf war keiner eingerichtet

Mitarbeiter von Möbel-Tegeler hoffen auf den Insolvenzverwalter, Kunden bangen um ihre Bestellungen

Annette Kögel

„Da spart man sich das Geld für die neue Küche zusammen – und dann heißt es: April, April.“ Dem Ehepaar, das das Möbel-Tegeler-Haus an der Grenzallee verlässt, steht die Ungläubigkeit ins Gesicht geschrieben. Der fünfstellige Betrag ist bezahlt, „aber ob wir unsere maßgeschneiderte Küche bekommen, wissen die Verkäufer selber nicht“, sagt die 60-jährige Frau aus Tempelhof. „Wir sollen unsere Forderungen an den Insolvenzverwalter stellen“, fügt ihr Mann hinzu. Einen Tag, nachdem bekannt wurde, dass Möbel- Tegeler in Neukölln und Trebbin Insolvenz anmelden musste, ist die Verunsicherung bei Kunden und Belegschaft groß. Nun befürchtet die Branche, dass wegen der allgemeinen Kaufzurückhaltung weitere Möbelhäuser in Schwierigkeiten geraten können.

„Vorerst geht alles weiter wie bisher, 240 hoch motivierte Mitarbeiter stehen hinter dem Haus“, sagte die Verkäuferin bei Tegeler in Neukölln zu einer besorgten Kundin am Telefon. Diese Kundin war nicht die einzige Anruferin, die sich am Freitag meldete. Doch die Verkäufer wollten keine Presseauskünfte geben. Aus der Unternehmenszentrale in Trebbin hieß es, man hoffe weiter, dass es dem Insolvenzverwalter gelinge, doch noch Geldgeber für das 1982 gegründete Unternehmen zu finden. Wie berichtet, begründet das Haus die Insolvenz damit, dass die Kunden den Kauf langlebiger Konsumgüter „auf später verschieben“, weil sie Sorgen um Arbeitsplätze haben und neue soziale Lasten fürchten. So sei es zu einem „dramatischen Rückgang der Umsätze“ gekommen.

Das sei zwar ein Grund für die Schieflage der Möbelbranche in Berlin – aber nicht der einzige, sagt Reinhard Kusian, 1. Vorsitzender des Fachverbandes des Möbel- und Küchenhandels in Berlin-Brandenburg e.V. „Auch der Wegfall des Rabattgesetzes hat negative Auswirkungen gehabt“, sagt Kusian. So würden einige Konkurrenten die Preise höher kalkulieren, um anschließend die nur scheinbar erheblichen Nachlässe gewähren zu können. „Das merken die Kunden, und gehen nicht in den Laden zurück“, sagt Kusian. Der Verband erhalte immer mehr Beschwerdebriefe über derartige Fälle. Dass sich die kleinen Fachgeschäfte längst zu Großeinkaufsgemeinschaften zusammengeschlossen haben und so oft ebenso günstige Preise wie Branchenriesen anbieten können, wissen nur wenigste Kunden, so Kusian. Viele vermissen indes eine qualifizierte Fachberatung im Geschäft, weil am Personal gespart werde. Der Beruf verliere so wiederum an Renommee bei jungen Leuten. Viele wollten nicht mehr Möbel-Einzelhandelskaufleute werden, sagt Kusian.

Und noch ein Problem treiben den Verbandsvorsitzenden und die 25 Mitgliedfirmen um. „Die unterschiedliche Handhabe in den Bezirken mit Sonderverkaufsgenehmigungen.“ Kusian erinnert sich an Sonderveranstaltungen, „bei denen die Häuser auf der einen Straßenseite mitmachen durften und jene auf der anderen Straßenseite nicht“. Dies verzerre den Wettbewerb auch in der Möbelbranche berlinweit – insgesamt verzeichnete sie nach Angaben des Berliner Einzelhandelsverbandes 2002 einen Umsatzverlust von knapp einem Drittel. Zwei Drittel aller Verkäufe werden nach Schätzungen von Kusian in den großen Häusern getätigt. Und doch versuchen alle, dem Abwärtstrend entgegenzuwirken.

Möbel Höffner setzt auf günstige Preiskalkulation. Möbel Hübner an der Genthiner Straße 41 in Tiergarten „spürte eine Kaufzurückhaltung im Oktober und November“, sagt Achim Türklitz, Geschäftsführender Gesellschafter. Doch das seit bald 96 Jahren bestehende Haus mit 300 Mitarbeitern sieht sich „keinesfalls in einer Lage“ wie Tegeler. Es gebe eine große Zahl treuer Stammkunden. Möbel Max an der Landsberger Allee 357 führt seit Jahren ein breites Sortiment auch von Teppichböden, Dekoartikeln und hat eine große Bildergalerie. Wenn jetzt Ikea in der Nähe baut, befürchtet man bei Möbel Max keine Konkurrenz. Im Gegenteil: „Das wird uns eine höhere Kunden-Frequenz bringen“, sagt Möbel-Max-Chef Jürgen Kemkes.

Auch die Mitarbeiter von Möbel Tegeler hoffen noch. Vielleicht helfen ja die Engel auf den Deko-Bildern an den Wänden.

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