Berlin : Das A-Wort

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VON TAG ZU TAG

Bernd Matthies über den psychologisch schonenden Abriss

Ein großes psychologisches Problem. Wie macht man den unerbittlichen Es-wardoch-nicht-alles-schlecht-Ostalgikern klar, dass der Palast der Republik nun endgültig auf den Laster kommt? Fest steht: Das schroffe, nach Birne und Dynamit riechende Wort „Abriss“ muss um jeden Preis vermieden werden, sonst stehen wieder ein paar von der PDS gesponserte Übelnehmer mit Plakaten da und ketten sich womöglich Castor-artig an die Träger der Drehbühne.

Gottlob gibt es einen korrekten Begriff, der alles in der Schwebe lässt: Rückbau. Rückbau heißt: Leute, wir sind gaaanz vorsichtig. Wir nehmen Stück für Stück vom Palast in die Hand, wickeln alles in Seidenpapier, tragen es behutsam zur Seite, bis einfach nur nichts mehr zu sehen ist. Aber der Palast bleibt irgendwie da, imaginär, und wenn eines Tages das gefräßige Kapital abdankt und der Sozialismus mit menschlichem Antlitz… Na, so ungefähr. Deshalb steht in der Erklärung der Bauverwaltung auch x-mal „Rückbau“; dummerweise hat sich Senator Strieder aber verplaudert, und so ist da und dort auch das böse A-Wort durchgedrungen.

Wenn allerdings demnächst womöglich die ersten Stelen des Holocaust-Mahnmals wieder abgerissen werden, dann ist Rückbau nicht genug. Dann werden sie sicher von retroversivem Baufortschritt sprechen. Vorsichtshalber.

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