Das A100-Dilemma : Zerreißprobe für die Berliner Grünen

"Es geht darum, klar und ehrlich zu sagen, was man will", hatte Volker Ratzmann, Grünen-Fraktionschef, vor der Wahl gesagt. Die A100 wollte er auf keinen Fall. Nun könnte die Autobahn trotzdem Teil des Koalitionsvertrags werden.

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Grüner Drehwurm. Während der Bundesdelegiertenkonferenz der Grünen im Mai 2009 demonstrierte die Berliner Parteibasis gegen den Weiterbau der A 100. Nun könnte die Stadtautobahn doch verlängert werden, falls die Partei den rot-grünen Kompromiss mitträgt.
Grüner Drehwurm. Während der Bundesdelegiertenkonferenz der Grünen im Mai 2009 demonstrierte die Berliner Parteibasis gegen den...Foto: ddp

Geschnittene Gurken liegen auf einem Tablett neben roten Paprikascheiben und Karottenhälften. Vor den neun Mitgliedern des Grünen-Landesvorstands stehen grüne Kaffeetassen mit gelben Sonnenblumen, dazwischen zwei tiefrote Plastikkannen. An diesem Tisch in der Landesgeschäftsstelle wird der Kompromiss geschmiedet, der den Weg für eine rot-grüne Koalition freimachen soll. Und was das Gemüse betrifft, ist es an diesem Montag schon mal eine harmonische Partnerschaft.

Zweieinhalb Stunden später treten Renate Künast, die Landeschefs Daniel Wesener und Bettina Jarasch sowie die Fraktionsvorsitzenden Volker Ratzmann und Ramona Pop wieder vor die Tür. Mit strahlenden Gesichtern verkünden sie, dass ein Kompromiss über die Stadtautobahn A 100 gefunden wurde. Die Formel lautet: Das Projekt wird „nicht grundsätzlich“ aufgegeben. Man will sich aber dafür einsetzen, dass die Bundesmittel für den Weiterbau dieses 3,2 Kilometer langen Teilstücks beispielsweise für Lärmschutzmaßnahmen umgewidmet werden.

Es liegt damit an Bundesverkehrsminister Peter Ramsauer, einem CSU-Mann, ob die rot-grüne-Koalition in Berlin sich ein Problem geschaffen hat, das zur Zerreißprobe werden könnte. Und Ramsauer lässt es sich denn auch nicht nehmen, auf die Projektgebundenheit der 420 Millionen Euro zu verweisen. Geld gebe es nur für „das konkrete Projekt A 100.“

Die Geschichte der Berliner Stadtautobahnen
Januar 2017, Alltag im Berufsverkehr. Die Stadtautobahn, aufgenommen am Spandauer Damm.Weitere Bilder anzeigen
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17.03.2017 08:24Januar 2017, Alltag im Berufsverkehr. Die Stadtautobahn, aufgenommen am Spandauer Damm.

Ist das der Kompromiss, den die grüne Basis mitträgt? Die träumt sich am Dienstag, 16 Stunden später, ein wenig durch die Mittagspause. Zwei Kolleginnen vom Urban-Krankenhaus, Mitte 40, Kurzhaarfrisuren, blinzeln ins Sonnenlicht. Klar haben sie Grün gewählt, wie immer, auch weil sie keine Autobahn möchten mitten in der Stadt. Über den koalitionären A-100-Kompromiss sagt die eine: „Da geht schon Glaubwürdigkeit verloren.“ Die andere will beim nächsten Mal vielleicht die Piraten wählen, dann ist die Mittagspause vorbei.

Das ist schon die härteste Form von Missbilligung, die im grünen Kreuzberg zu hören ist mit 35,5 Prozent Zweitstimmen. Frank Dietrich, 50, lange Haare, steht vor seinem Weinladen in der Körtestraße und kann sehr ausschweifend differenzieren zwischen einer „grundsätzlichen Ablehnung von Autobahnen“ und der Notwendigkeit politischer Kompromisse. „Ich möchte lieber die Grünen in der Koalition sehen als die CDU.“ Da sei der zugegeben merkwürdige Kompromiss zur A 100 eben das kleinere Übel.

Lesen Sie auf der nächsten Seite, warum einige Grüne eine Koalition mit Autobahn besser finden würden als gar keine.

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