Berlin : Das abgefahrene Kaufhaus

80 Geschäfte hat der neue Hauptbahnhof. Manche gibt es sonst nirgends in der Stadt

Thomas Loy

Natürlich wird es auch eine Sushi-Bar im neuen Bahnhof geben. Aber noch ist die Bar eine dunkle Baustelle. Bei „Segafredo“ stehen die Stühle unter Folie. Niemand zu sehen. „Mobilcom“ verwaist. Nur leere Tische. Eine Mitarbeiterin möchte zu „Tom Tailer“. Abgeschlossen. „Willkommen im modernsten Bahnhof der Welt“ – drei Tage vor der Eröffnung.

Im „Look 54“ sollen ab Freitag Berlin-Jacken und „Nightlife-Essentials“ verkauft werden. Zu sehen sind bis jetzt nur Kabelstränge, Lüftungsschächte und Neonröhren. „Das wird schon“, meint Klaus Bernzen. Er macht hier die Elektrik und kümmert sich auch um den Rest. Ärgerlich findet er nur, dass sie keine Decke einziehen dürfen, um die Kabel und Röhren verschwinden zu lassen. Da ist die Antragsfrist abgelaufen. Überhaupt sei das Bauen im Bahnhof mit jeder Menge Vorschriften behaftet. Morgen kommt der TÜV zur Abnahme.

Der neue Hauptbahnhof wirkt zurzeit noch wie eine Großinstallation moderner Kunst. Dinge sind aus ihrem Kontext gerissen, wie die flach auf dem Boden liegenden monströsen Leuchtreklametafeln von „Burger-King“ und „Pizza-Hut“. Eine Computerstimme kündigt die Durchsage „kurzer sinnloser Silben“ an, mit denen die Verstärkeranlage getestet werden soll. Putzteams feudeln die endlosen Glasflächen an den Rolltreppen.

80 Geschäfte verteilen sich auf 15 000 Quadratmetern und drei Etagen. Damit liegt Berlin im Mittelfeld der deutschen Shopping-Bahnhöfe. Der Leipziger Hauptbahnhof bringt es auf 130 Geschäfte. Dafür hat Berlin mehr Platz zum Flanieren. Die Gehsteige sind mindestens so breit wie am Ku’damm. Geöffnet ist jeden Tag, von 8 bis 22 Uhr. Zur WM werden noch zwei Stunden drangehängt.

Es sind viele fremde Namen in der neuen Einkaufswelt dabei: „Hopfingerbräu“, „Millie’s Cookies“, „Satih Servet“, „Tamaris“. Das Medienkaufhaus „Virgin“, das schon mal am Ku’damm eine Dependance eröffnet hatte und dann aufgab, versucht hier ein Comeback. Neu in Berlin ist auch „Zanetti-Eis“. Geschäftsführer Reza Napelyani schwärmt von Eigenkreationen wie „Erdbeer-Basilikum“ und „Mandarin-Gurke“. Bisher können diese Kombinationen nur in Kassel probiert werden. Die lange Theke im Zanetti ist noch unter Zellophan versteckt. Napelyanis Handy klingelt ständig. Gestern war ein schlimmer Tag. „Da haben die Handwerker anderthalb Stunden gebraucht, um durch die Sicherheitskontrollen zu kommen.“ Aber den Bahnhof findet er toll. „Sieht aus wie ein Flughafen.“

Eine Berlin-Premiere wagt auch der Passauer Herrenausstatter „eterna excellence“.

Harald Pfaffinger packt gerade die ersten Hemden aus den Plastikhüllen. Blau-weiß gestreift wie sein eigenes. „Klassisches Muster“, weltweit einsetzbar. Geschäftsleute sollen hier zwischen zwei Zügen kurz ein paar Ersatzhemden plus Krawatten mitnehmen. 1500 Hemden liegen aufeinander geschichtet auf dunklem Holz. Pfaffinger ist bereit für den neuen Bahnhof, nur sein Schaufenster noch nicht. Die Putzmannschaft ist einen Tag im Verzug. Darauf hat er keinen Einfluss. Schaufensterputzen ist Sache der Bauleitung.

„Uns geht’s wahnsinnig gut“, sagt Maren Meißner, stellvertretende Filialleiterin bei „Douglas“. Sie lächelt entspannt, während im Laden hinter ihr Ordnung und Chaos miteinander ringen. Maren Meißner ist perfekt geschminkt. Das blonde Haar glänzt seidig. Mühelos schön, 24 Stunden am Tag, das ist auch die Botschaft des neuen Bahnhofs.

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