Berlin : „Das ähnelt moderner Sklaverei“

Der Senat will die Honorare für Musikschullehrer erhöhen. Trotzdem wollen sie heute protestieren

Sandra Dassler/Patricia Hecht

Die Meldung kam am Freitagnachmittag: In den kommenden zwei Jahren werden die Honorare der freiberuflichen Lehrkräfte an den öffentlichen Berliner Musikschulen um 7,3 Prozent erhöht, teilte die Senatsbildungsverwaltung mit. Zusätzlich vergütet werden soll künftig auch die Teilnahme an Konferenzen, die Vorbereitung und Durchführung von Konzerten, die Beratung von Eltern und sonstigen Tätigkeiten außerhalb des Musikschulunterrichts, hieß es.

Trotzdem wollen die Berliner Musikschullehrer am heutigen Sonnabend gegen die Senatspolitik protestieren. „Wir sind seit Jahren reine Honorarkräfte“, sagte Ulrich Rothe, Präsidiumsmitglied der Landeslehrervertretung der Musikschulen, „wir haben keine Alterssicherung, keine ausreichende Krankengeldzahlung, keinen Mutterschutz und nahezu keine arbeitsrechtliche Absicherung.“ Er befürchtet, dass sich die Situation weiter verschlechtert, worunter natürlich auch die Schüler leiden müssten.

Mehr als 40 000 Mädchen und Jungen lernen an den zwölf bezirklichen Musikschulen ein Instrument, singen in Chören, spielen im Orchester. Rund 90 Prozent der selbstständigen Lehrer bekommen bislang monatliche Bezüge. Nun will die Senatsbildungsverwaltung das ändern und die 1600 Lehrer nur noch auf Rechnung bezahlen. Noch viel schlimmer aber sei, dass die Verwaltung auf ausschließlich unternehmerische Arbeit der selbstständigen Lehrer dringe, sagt Rothe. Musikschularbeit sei jedoch Teamarbeit und die Lehrer seien in die Struktur der Schulen eingebunden. „Dadurch werden die Teams auseinanderfallen, dabei wird Ensemblearbeit, musikalische Früherziehung und die Kooperation mit den Ganztagsschulen unsäglich leiden.“

Zudem, sagte Lutz Fußangel von Verdi, würden sich viele gute Lehrkräfte aus der Not heraus dafür entscheiden, in den freien Markt abzuwandern.

Die Lehrer fordern Tarifverträge für Honorarkräfte und die Umwandlung von hauptberuflichen Beschäftigungen auf Honorarbasis in feste pädagogische Vollzeitstellen. Unterstützung bekommen sie von der Opposition: Die Arbeitsverhältnisse der Musikschullehrer ähnelten „moderner Sklaverei“, sagt der bildungspolitische Sprecher der CDU, Sascha Steuer. Der grüne Bildungsexperte Özcan Mutlu sagt, die Situation sei „inakzeptabel“. Sandra Dassler/Patricia Hecht

Protestkonzert des Musikschullehrer-Orchesters: Heute um 13 Uhr 30 am Neptunbrunnen vorm Roten Rathaus

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