Berlin : Das Alpha-Tier

Elisabeth Binder

Jetzt kann die Party wieder richtig losgehen. Seine Bodyguards sind wirklich nicht zu beneiden. So lange wie den Regierenden Bürgermeister Klaus Wowereit hält es normal ermüdbare Menschen niemals auf Partys. Wird er, nachdem der Senatswahlstress vorbei ist, demnächst dem Glamour-Volk mit seiner Dauerpräsenz auf Feten und Events zum Halse raushängen? Würde ein gelegentliches "Nein danke" seine Popularitätskurve im Partymeisterfach vielleicht ein bisschen länger hoch halten?

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Kurzporträt: Der neue Senat Walter Momper sieht eher eine gegenteilige Gefahr. "Die Leute sind doch total sauer, wenn man nicht kommt." Die Partys gehören aus der Sicht des neuen Abgeordnetenhauspräsidenten dazu, "und wenn er es schafft, zu möglichst vielen hinzugehen, ist das für die Popularität nur gut". Fernsehdirektorin Barbara Groth kann sich hingegen vorstellen, dass Wowereit nach einem alten römischen Rezept agiert: "Brot und Spiele". Klingt einleuchtend: Mit dem Glamour-Image lenkt er vom wirklichen Elend der Stadt ab, das in den kommenden Wochen wahrscheinlich sichtbarer werden wird als jemals zuvor. Eberhard Diepgen glaubt, dass Wowereit die Grenzen sehr bald von allein erkennen werde. Der Tenor ist jedenfalls, besonders im Westen der Stadt, dass das Dauerfeten nicht so schlimm ist. Jedenfalls längst nicht so schlimm wie die neue Koalition. Nicht einmal dann, wenn sich der Regierende in eher etwas halbseidene Gesellschaft begibt, und dort, statt mit Botschaftern und hochkarätigen Talkshow-Moderatorinnen, in der Gesellschaft von extra schrillen Modeleuten oder notorischen Gesellschaftsdamen gesehen wird.

Überall woanders wäre für einen Bürgermeister, der ernst genommen werden will, das Image-Aus längst eingetreten. Gleich zu Beginn seines Feierregiments hatte es ja genug Gegrummel gegeben, auch unter alten Genossen, die in diesen Zeiten Champagner als Getränk für fast so unpassend halten wie die PDS als Koalitionspartner.

Aber Berlin tickt anders. Vor allem in dieser Zeit. Dafür gibt es mehrere Gründe. Der strukturelle gesellschaftliche Wandel, der in Berlin mit dem Umzug aus Bonn einen ersten Höhepunkt erreicht, aber schon viel früher eingesetzt hatte und noch lange nicht beendet ist, hat zur Folge, dass kaum jemand einen festen Platz hat, auf dem er sich gewissermaßen ausruhen kann.

Entsprechend groß ist das Gerangel um die Gästelisten. Man muss nur mal die leitende Gastgeberin der Stadt, Isa Gräfin von Hardenberg, fragen, mit welcher Art von Anrufen sie bombardiert wird. Über Einzelheiten der schamgrenzenlosen Versuche, auf die Gästelisten zu gelangen, schweigt sie sich zwar diskret aus. Aber daran, dass sie Zeugin eines darwinistischen Kampfes ums Society-Ranking wird, besteht kein Zweifel. Dabei sein ist wirklich alles. Das gilt umso mehr, wo es keine wirklich festen Regeln mehr gibt.

Auch die anderen professionellen Ausrichter glanzvoller Events werden hofiert wie frisch gewählte Götter. Die Hauptstadtwerdung der neuen Gesellschaft funktioniert schließlich auch ein bisschen nach dem Schneeballsystem: Wer bei einem wichtigen Anlass von den richtigen Leuten gesehen wird, kommt plötzlich auch für den nächsten viel mehr in Frage und so fort.

Das Partylisten-Lobbying verbraucht gerade auch dort größere Mengen an grauen Zellen, wo man es nicht vermuten würde: unter ohnedies erfolgreichen Geschäftsleuten, Künstlern, ja, sogar Diplomaten. Wo in Hamburg, München oder Düsseldorf feste Strukturpläne über die gesellschaftlichen Trampelpfade aus den Schubladen gezogen werden, kann es einem in Berlin unter Umständen passieren, dass man auf einer Modenschau einen Bankenvorstand im Gespräch mit einem Akademie-Präsidenten und einem Unternehmenschef sieht. Das Trial-and-Error-Prinzip bestimmt das gesellschaftliche Spiel, Flexibilität ist alles. Neugier und Offenheit helfen allemal weiter als Honoratiorendenken, das gilt für den Ministerialdirigenten wie für den Milliardär.

Nur Proleten lassen heute noch die Muskeln spielen, um den Stärksten zu definieren. Unter den Erfolgssüchtigen ist derjenige König, der über die meisten Energiereserven verfügt - und dies auch deutlich machen kann. In einer solchen Situation macht sich der Mann an der Spitze der Stadt gewissermaßen zum Alpha-Tier unter all denen, die mit gesellschaftlichen Erfolgen den Ton angeben wollen.

Klar, dass der Regierende Bürgermeister alle Einladungen erhält, von denen andere nur träumen können. Während Vorgänger Eberhard Diepgen das Notwendigste mit Pflichtbewusstsein und ohne unnütz viel Zeit einzusetzen abarbeitete, machte Wowereit von Anfang eine Show daraus, auch der Erste unter den Eingeladenen zu sein. Das mag ihm mancher neiden, aber wirklich übel nimmt es ihm nicht mal die Opposition. Gequältes Gesichtverziehen mit dem Tenor "Den wird die Arbeit schon noch einholen", dominiert die Kritik, die in diesem Zusammenhang erhoben wird.

Dabei böte es sich an, gelegentlich auf einen Trick hinzuweisen, der auch in Wowereits kamerawirksamen Ausschweifungen steckt. In den heißen Tagen vor der Senatsbildung mehrten sich die Boulevardblätter seitenweise darüber aus, wie gut es wäre, wenn er nicht schwul wäre, weil er doch immer so toll tanzt mit der schönen Fernseh-Moderatorin. So viel Platz drauf ging für die Schwärmereien über dieses Traumpaar, das zusammen nicht kommen kann, so viel Platz fehlte den geschriebenen Salven gegen Rot-Rot.

Gleichzeitig festigte es ein ablenkendes Glamour-Image, das bei dem, was der Stadt bevorsteht, noch hilfreich sein könnte: Wowereit in angenehmer Umgebung, Wowereit da, wo alle sein wollen, Wowereit mit der begehrtesten Frau der Saison auf dem Parkett vereint.

Das gibt aus der Sicht von Wowereits Publicity-Strategen zweifellos bessere Bilder als Wowereit mit Herrn Flierl oder Frau Knake-Werner. Und diese Bilder sinken ein, während das übernächtigte Berlin die Tatsache verdrängt, dass Rot-Rot schon kräftig Netze spinnt.

Außerdem wird auf Partys kaum je ein ernsthaftes Wort gesprochen. Im lächelnden Land des Small Talks befindet sich jemand wie Wowereit, der sich gar nicht so gern konkret äußert zu Problemen, in einem komfortablen Schutzraum. Das Bedürfnis nach diesem Raum wird eher noch wachsen, je heftiger es im Senat rund geht.

Für die PDS könnte die Situation gar nicht besser sein. Jahrelang wurde geklagt, dass die Ossis irgendwie nicht Fuß fassen in der neuen Berliner Gesellschaft, dass man die Protagonisten aus der alten DDR im frisch gezimmerten Glamour-Berlin mit der Lupe suchen muss. Vereinzelte Auftritte von Kati Witt oder Franziska van Almsick konnten nicht darüber hinwegtäuschen, dass den ehemaligen DDR-Bürgern wohl auch die Lust zum anstrengenden, oberflächlich wirkenden, aber der Karriere unter Umständen förderlichen Society-Networking via Small Talk fehlte. Jetzt kommt die Stunde der Rache. Während die Wessis tanzen, erobern die Ossis still die Bürokratie der Stadt.

Die dieser Tage so häufig gestellte Frage, warum keiner geschrien hat wegen Rot-Rot, ist daher einfach zu beantworten. Weil alle gähnen. Darin liegt die eigentliche Gefahr des permanenten Partying, das genauso weitergehen wird wie bisher. So erfolgreich es in seiner Ablenkungsfunktion im Moment ist, so fragwürdig werden seine Auswirkungen sein: vielleicht braucht Wowereits Image-Konzept einige möglichst laute Alarmglocken. Auch im heißesten Ballsaal gehen irgendwann die Vorhänge auf, und der gleißende Alltag bricht sich die Bahn.

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