Berlin : "Das alte Hansa-Viertel in Berlin": Noch im Untergang piekfein

Michael Zajonz

Der Architekturhistoriker Ludwig Posener beschrieb in seinen Memoiren eine Kindheit im Villenvorort Lichterfelde: Zum Leidwesen des behüteten Knaben machten es Dienstboten und der Eigenanbau von Obst und Gemüse unnötig, allzu oft in "die Stadt" zu fahren. Was der Spross aus gutbürgerlichem Hause nicht ahnte: Das Kultivieren sozialer und räumlicher Distanz war kein Privileg der Landlords in Berlins Südwesten. Ludwig Marcuse, zwischen 1905 und 1925 im Hansa-Viertel aufgewachsen, erschien der Wedding "einige Millionen Meilen" entfernt. 1960 erinnerte sich der Philosoph: "Ich kannte nur Bürger, Gouvernanten und Dienstmädchen".

Das alte Hansa-Viertel - großbürgerlicher Kosmos in zentraler Lage - war im November 1943 untergegangen: Von 343 Häusern hatte die Royal Air Force gerade 70 verschont. Die 1957 präsentierte Neubebauung erzielte ihre Wirkung auf Kosten der Vergangenheit. Selbst nach der Teufelsaustreibung der Enttrümmerung empfand man die Erinnerung an eine der ersten Wohnadressen der Kaiserzeit als peinlich. Hier habe es, so Bundespräsident Theodor Heuss bei der Eröffnung der Interbau, "schlechterdings keinen künstlerischen oder auch nur lokalhistorisch interessanten Baukörper" gegeben.

Nach der Monographie Gabi Dolff-Bonekämpers über das "neue" liegt nun Bertram Janiszewskis Studie über das "alte" HansaViertel vor. Eine gehörige Prise Wehmut schwingt mit beim Blick auf selten reproduzierte Fotografien. Breite Straßen, prachtvolle Bäume, gediegene Vorgärten bildeten die Ouvertüre zu stattlichen, von so renommierten Architekten wie Alfred Messel und Hans Grisebach entworfenen Fassaden. Wie es hinter Stuck und Stein aussah, konnte auch Janiszewski nicht ermitteln. Die abgebildeten Grundrisse der teils über 600 Quadratmeter großen Wohnungen beflügeln die Phantasie des Lesers kaum. Der Text greift bis ins 18. Jahrhundert zurück. Erster prominenter Häuslebauer auf feuchtem Wiesengrund war Georg Wenzeslaus von Knobelsdorff. Der Architekt Friedrichs des Großen schuf ein Sommerhaus als Meierei, um sich angesichts grasender Rindviecher vom Gestank der Stadt wie dem Mief höfischer Intrigen zu erholen. 1784 folgte in direkter Nachbarschaft Prinz August Ferdinand, der - nach Wörlitzer Vorbild - sein Schloss Bellevue errichtete. Seitdem kontrollierten die Hohenzollern die Randbebauung des Tiergartens. Noch Wilhelm I. ließ sich die Fassadenentwürfe aller am Parkrand gelegenen Parzellen zur Genehmigung vorlegen. Nach Reichsgründung wurde das Hansa-Viertel dann kommerziell bebaut. Das avisierte Publikum bestimmte die Qualität der Architektur. Zu den Stars des Berliner Villenbaus gesellen sich heute vergessene Büros, wie Solf & Wichards oder Holst & Zaar. Der Autor stellt ihre bemerkenswerten Bauten vor - und scheitert daran, sie in einen architekturhistorischen Kontext zu stellen. Zu apologetisch liest sich etwa die Würdigung Hermann Endes; zu konturlos bleiben die aus zeitgenössischen Texten übernommenen Stilbegriffe.

Die Analyse von Parzellen- und Grundrissstruktur bestätigt das soziale "Nord-Süd-Gefälle" Berlins selbst innerhalb des Viertels. Wie sich die nachträgliche Teilung durch die Stadtbahn auswirkte, interessiert Janiszewski allerdings nicht. Mit solchen Mängeln versöhnt der zweite Teil des Buches, der sich den Bewohnern widmet. Verwandt, befreundet oder verfeindet? Welche Berühmtheit wohnte wo? Was für Professionen, welche Religionen herrschten vor? - Fragen, die kulturhistorisches Fleisch auf die spröden Knochen städtebaulicher Struktur zaubern.

Das größte Gotteshaus war die evangelische Kaiser-Friedrich-Gedächtniskirche. Zu ihrer 1895 mit einigem Brimborium vollzogenen Weihe erschien auch das Kaiserpaar. Obgleich ihre drei Gemeinden weit weniger offensiv in Erscheinung traten, übertraf der jüdische Bevölkerungsanteil von über acht Prozent den Berliner Durchschnitt um das Doppelte. Es entspricht der perfiden Logik des NS-Systems, dass die zumeist assimilierten Juden des Hansa-Viertels zu den ersten gehörten, gegen die Repressionen verhängt wurden: Der Vernichtung gingen Enteignung und Exmittierung der Wohnungen voraus. 1941 meldet die Behörde des Generalbauinspektor Albert Speer das südliche Hansa-Viertel als "judenrein".

Janiszewskis materialreiche Darstellung verdeutlicht: Hier konnte jeder alles wissen. Doch das scheinbar intakte großbürgerliche Ambiente verstellte den Blick auf die Katastrophe. Hans-Georg von Studnitz, 1943 Referent in der Presseabteilung des Auswärtigen Amtes, notiert erst angesichts des brennenden Hauses in der Händelallee: "Jetzt sind wir mit fliegenden Fahnen untergegangen, erfüllt von der Genugtuung, bis zuletzt so gelebt zu haben, wie wir es liebten, ohne Konzessionen an den barbarischen Geist der Zeit." Auch der Schock zu später Erkenntnis erklärt die Tabula rasa des Wiederaufbaus.

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