Berlin : Das alte Rom muss warten

An den Schulen wird über den Irak-Krieg diskutiert – manche ändern sogar den Stundenplan

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Überrascht fühlen sich Lydia Blanck und die anderen auf dem Hof des Friedrichshainer ErichFried-Gymnasiums am Dienstag nicht. Eher frustriert und ohnmächtig. Die Rede von George W. Bush war „gleich das Erste, worüber wir heute geredet haben“, sagt die 18-Jährige. Mit einigen Freunden sitzt die Zwölftklässlerin vor ihrer Schule und diskutiert. „Ein schneller, kurzer Krieg wird es werden“, sagt Lydia. „Drei, vier Monate vielleicht. Dann setzen die USA da unten einen Schattenmann ein.“ Wie Lydia denken fast alle Schüler am Erich-Fried-Gymnasium. Das Nein zum Krieg sei „unausgesprochener Konsens“, sagt Schulleiterin Heidi Antal. Niemanden habe die Rede des US-Präsidenten kalt gelassen, die Schüler seien wütend. „Das, was Bush erzählt, ist nicht dasselbe, was sein Geheimdienst ermittelt hat“, sagt der 16-jährige Richard Niedzballa.

Als Caroline Rosenthal das Gefühl der Ohnmacht nicht mehr aushielt, gründete sie mit anderen die Initiative „Schüler und Schülerinnen gegen den Krieg“, organisierte Demos und Podiusmdiskussionen. Am ersten Tag nach Kriegsbeginn will sie zu einem Schülerstreik aufrufen. Die Elftklässlerin verteilt Zettel: „11 Uhr Alex, am Brunnen vor Saturn“.

An der Sophie-Scholl-Gesamtschule in Schöneberg sind zwei Schüler bis zum Morgen aufgeblieben, um Bushs Rede zu verfolgen. Mehr als drei Viertel der angehenden Abiturienten haben an Friedensdemos teilgenommen. „Bush und Blair scheren sich zwar einen Dreck um die vielen Proteste, aber ein Zeichen müssen wir ja setzen“, sagte Nele Latotzky. Geteilt sind die Meinungen zu einem Streik am Tag X: Viele wollen teilnehmen, aber eine Schülerin findet, „dass wir auch nachmittags demonstrieren können.“ Der Rektor erinnert, dass die Teilnahme an Demonstrationen während des Unterrichts als unentschuldigtes Fehlen gilt. Hindern will er seine Schüler aber nicht. Alexander Scharich, stellvertretender Schulleiter: „Uns ist ja klar, dass es hier um etwas Besonderes geht.“

Von der Grundschule bis zum Gymnasium: Viele Lehrer improvisieren angesichts des drohenden Krieges. In der Lichterfelder Clemens-Bentano-Grundschule steht statt des alten Rom jetzt der Irak auf dem Lehrplan – mitsamt seinen Bodenschätzen und der Frage, warum Saddam nicht einfach abgewählt werden kann. Den Gedanken, die Kinder bei Kriegsausbruch zu versammeln, hat Schulleiter Matthias Kukulka aber verworfen: Das könne die Jüngeren zu sehr verängstigen, wenn es zu „feierlich“ geriete.

Der Rektor des Canisius-Kollegs, Pater Klaus Mertes, beobachtet bei den Schülern „rationalen Pazifismus“ – und hat „bewusst nichts geplant, weil das schon der Einstieg in einen inszenierten Krieg wäre“. Fragen des Islam und eines „gerechten Krieges“ gehörten längst zu Unterricht und Gottesdienst.

Elisabeth Vogel, Deutschlehrerin an der Thomas-Mann-Oberschule in Reinickendorf, arbeitet das Thema mit ihrer 8. Klasse anhand des Kinderspiegels unserer Zeitung vom vorvergangenen Sonnabend auf. „Ich habe gemerkt, wie nahe es den Schülern geht. Ständig waren alle Finger oben – das habe ich noch nie erlebt.“ Den meisten sei klar, dass Protest gegen den Krieg keine Wertschätzung für Saddam bedeutet. Vor allem kurdische Kinder hofften auf seinen Sturz.

In den meisten Schulen sind Diskussionen ausdrücklich erwünscht oder fest eingeplant, aber in den wenigsten gibt es eine klare Linie, wie mit dem Thema umgegangen wird, wenn der Krieg erst ausgebrochen ist: Man wolle pragmatisch reagieren, heißt es allenthalben. Nicht nur die Schüler sind verunsichert. frh / lat / lee / obs / R. B.

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