Berlin : Das andere Leben der Zonenmädchen

Sabine Michel und ihre DDR-Dokumentation.

Romy Köhler

Zonenmädchen heißen Mandy und kommen aus Marzahn. Die Frauen in Sabine Michels Dokumentation heißen Claudi, Claudia, Vera, Veruscha und Sabine und sind in Dresden zur Schule gegangen. Das Land, in dem sie 1989 ihr Abitur ablegten, gibt es seit 25 Jahren nicht mehr. Wie viel „Zone“ steckt heute noch ihnen? Der Film, den es jetzt auf DVD gibt, beantwortet diese Frage.

Die Suche der fünf Frauen beginnt 2012 im TGV nach Paris. Hier arbeiteten sie nach dem Mauerfall als Au-pair, hier haben sie 23 Jahre später eine Wohnung gemietet, um gemeinsam zurück und nach vorn zu schauen. Eine ostdeutsche Bestandsaufnahme. Regisseurin Sabine Michel übernimmt als eine der fünf Schulfreundinnen eine Doppelrolle. Ihr Film zeigt Dialoge zwischen Töchtern und Müttern über ihre Leben in der DDR, in denen die „Zone“ hör- und sichtbar wird.

Da ist zum Beispiel Veruschas Mutter: „50 bis 60 Stunden Arbeit die Woche – habe ich eben gemacht.“ Stolz schwingt in ihrer Stimme mit. Das Unsagbare zwischen den Frauen erzählt Tochter Veruscha später allein vor der Kamera: Wie sie die Mutter vom Gashahn wegzog und sich die Überforderung der alleinerziehenden Lehrerin tief in die Seele der Tochter eingrub: „Ich war elf Jahre alt und es gab keinen Ort, an dem es Hilfe gegeben hätte.“

Beispiel zwei: Sabine. „Nicht mal mir hast Du erzählt, dass Dein Vater Nazi war“, sagt sie zur Mutter. Deren Antwort ist ein einmaliges Sprachdokument DDR-spezifischer Vereinnahmung des Privatlebens. Sabine nennt es heute „mein erstes Korsett“.

So wenig ostdeutsche Klischees die Rückschau der Frauen zutage bringt, so uneins sind sie sich in der Vorschau. Die Tatsache, dass sie 1989 gemeinsam das Abitur in einem Land ablegten, das es heute nicht mehr gibt, ist kein dauerhafter Nährboden für tiefe Freundschaften. Familienplanung und Broterwerb gestalten sie heute ganz unterschiedlich, und über die Moral der kapitalistischen Gesellschaftsordnung gehen die Meinungen im TGV dann ganz weit auseinander.

Dass dieser Film eine ostdeutsche Bestandsaufnahme ist, wird spürbar, als die Frauen über ihre Arbeit sprechen. Egal ob als Juristin in einer deutsch-französischen Kanzlei, Psychologin in der Kinder- und Jugendhilfe, Geschäftsführerin einer Szenekneipe, französische Beamtin an einer deutschen Schule in Paris oder die Arbeit der Regisseurin Sabine Michel mit dieser Dokumentation: Die Frauen betrachten die Menschen, mit denen sie es zu tun haben, mit ihren individuellen Empfindungen und Prägungen und zeigen damit, dass „Zonenmädchen“ kein Klischee bedienen. Zum 25. Jahrestag der deutschen Einheit ein ostdeutsches Statement. Romy Köhler











Zonenmädchen.

Ein Dokumentarfilm von Sabine Michel.

75 Minuten. Als DVD im Handel erhältlich.

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