Das Aufbau-Haus : Literaten im Luftschutzbunker

Das Aufbau-Haus ist die Symbiose mehrerer Ideen. Es könnte dem trostlosen Kiez am Moritzplatz in Berlin-Kreuzberg ein neues Gesicht geben.

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Zugeschnappt. Kai Dikhas eröffnet eine Galerie im Haus.
Zugeschnappt. Kai Dikhas eröffnet eine Galerie im Haus.

Die Dönerbude ist noch da. Das „Foodbag“ war lange der einzige Grund, sich am Moritzplatz aufzuhalten – einem Platz, der auf fast biblische Weise öde und leer war, Peripherie mitten in der Stadt, ein Ort, der viele Jahre auf eine bessere Zukunft gewartet hat. Die könnte jetzt kommen. Hinter dem „Foodbag“ ragt seit dem Frühjahr das Aufbau-Haus in die Höhe. Auf den ersten Blick sieht es abweisend aus, wie die moderne Version eines Luftschutzbunkers. Dann aber fällt die breite, einladende Treppe auf, die zu einer öffentlichen Ladenstraße führt. Hinter der mit gerillten Betonplatten verkleideten Fassade des Hauses soll das Leben brummen: Der Aufbau-Verlag und ein Großhändler für Künstlerbedarf sind hier eingezogen, außerdem eine Buchhandlung, ein Café, das Theater Aufbau Kreuzberg (TAK), Galerien, eine Kita und zahlreiche Läden mit kreativer Basis – insgesamt fast fünfzig Mieter. Von Donnerstag bis Sonntag wird die Eröffnung mit einem Sommerfest gefeiert.

Das Aufbau-Haus ist die Symbiose mehrerer Ideen. „Ich wollte ein Kreativzentrum schaffen, und ich suchte nach einem neuen Standort für den Verlag“, erzählt Matthias Koch, der den Aufbau-Verlag 2008 gekauft hat. Dann erfuhr er, dass Großhändler „Modulor“ von der Gneisenaustraße ins ehemalige Bechsteinhaus am Moritzplatz ziehen wollte. Warum also nicht zusammengehen? Koch, ein ehemaliger Deutschlehrer, der das Geld einer Erbengemeinschaft verwaltet, ist eigentlich kein Verleger. Sondern ein Geschäftsmann mit einem Faible fürs Kreative. „Die Kreativindustrie ist in Berlin ein Wachstumszweig, und man investiert in Wachstumszweige“, hat er schon vor Jahren gesagt. Und so entwarf er das Aufbau-Haus als einen Ort der Vernetzung. Hier können Künstler ihre Isolation überwinden, ähnlich wie die digitalen Einzelkämpfer einige Meter weiter im Betahaus, und gemeinsam eine größere Öffentlichkeit erreichen. Hier können sich Verlagsmitarbeiter, Theaterbesucher, Clubgänger, Literaturinteressierte und ganz normale Passanten begegnen und, im besten Fall, gegenseitig inspirieren. Es soll aber kein Elfenbeinturm werden, erklärt Architekt Roland Kuhn, sondern „eine bewusste Verschränkung von Kunst und Kommerz“.

Vernetzung demonstriert das Haus auch auf baulicher Ebene. Es umschließt den verspiegelten Industriebau der Textilfirma Ertex aus den 70er Jahren, den später die Pianofirma Bechstein nutzte und in dem vor einigen Jahren noch Partys gefeiert werden konnten. Im abriss- und neubauverliebten Berlin verkörpert es damit ein eher seltenes Prinzip: das des Weiterbauens, des organischen Bauens im Bestand, das jahrhundertelang die eigentlich vorherrschende Architekturform gewesen war. Natürlich besteht die Gefahr, dass das Aufbau-Haus die Gentrifizierung jetzt auch in diese Ecke Kreuzbergs trägt. Allerdings kann sich niemand die Ödnis, die hier vorher geherrscht hat, zurückwünschen.

Was mit Vernetzung gemeint ist, demonstriert „Coledampf’s“. Hier kann man zu Mittag essen, Kochkurse belegen und Küchenutensilien und Lebensmittel kaufen, und zwar möglichst regionale. Das passt wiederum zum Prinzessinnengarten auf der anderen Straßenseite, wo urbane Landwirte seit einigen Jahren der weltweiten Verschiffung von Lebensmitteln eine Absage erteilen, indem sie ihr eigenes Gemüse in der Stadt anbauen. Gleich nebenan interpretiert die Künstlerin Susanna Kraus das regionale Prinzip ganz neu: Indem sie mit ihrer Kamera nicht hinausgeht in die Welt, sondern ihre Modelle zu sich kommen lässt. Anders ginge es auch gar nicht, denn sie betreibt die größte begehbare stationäre Kamera der Welt. Negative und Abzüge sind nicht möglich, jedes Bild ist ein Unikat – Passbildautomaten benutzen die gleiche Technik, deshalb hat Kraus auch einen vor dem Haus aufstellen lassen. Er wirkt völlig aus der Zeit gefallen, symbolisiert aber gerade deshalb das Prinzip der Vernetzung, das man ja auch temporär denken kann: als Vernetzung verschiedener Zeitebenen.

Ein Unikat ist auch die Galerie Kai Dikhas. Sie präsentiert als erste Galerie in Deutschland nur Kunst der Roma und Sinti. Die „Buchhandlung am Moritzplatz“ setzt die Buchmeile Oranienstraße fort und übt täglich den Spagat zwischen Walter Benjamin und John Grisham, und der Betreiber des Café M1 praktiziert Vernetzung auf seine Weise: Er ist auch für die Gastronomie im Radialystem zuständig.

So scheint also doch noch städtisches Leben an den Moritzplatz zurückzukehren. Es wird auch Zeit. Im 19. Jahrhundert entstand er als westlichster Punkt einer Abfolge dreier Plätze, zu der auch Oranienplatz und Heinrichplatz gehören. Und er war, wegen der Nähe zur Innenstadt, der wichtigste dieser drei, ein Scharnier zwischen Mitte und Kreuzberg, hier standen die Wohnhäuser dichtgedrängt, Straßenbahnen querten den Platz, es gab zahlreiche Gaststätten. Aber Kriegszerstörungen und der Bau der Mauer nur wenige Meter weiter nördlich machten aus dem Platz das Ende der Welt, ein städtebauliches Loch ohne Fassung, auf seine reine Verkehrsfunktion reduziert. Nur eine der vier gründerzeitlichen Platzkanten überlebte. Jahrzehntelang war hier eine Autobahn geplant, was die Entwicklung zusätzlich erschwerte.

Der Prinzessinnengarten war ein zaghafter Versuch, den Platz zu entwickeln. Aber das Aufbau-Haus ist der erste echte Schritt, ihm eine Fassung zurückzugeben. Es verlängert den belebten Teil der Oranienstraße nach Westen und könnte ausstrahlen bis zur Kochstraße und zum Checkpoint Charlie.

Auch für den Frankfurter Eichborn-Verlag ist im Haus Platz, aber der Betriebsrat hat dem Umzug nicht zugestimmt. Matthias Koch ist optimistisch, er sagt: Die Branche konzentriere sich, und ohne Kontakt zum Publikum, etwa in Form von Lesebühnen oder Open Mikes, gehe heute gar nichts mehr. Berlin sei prädestiniert dafür. Dann blickt er aus dem Fenster seines neuen Arbeitsplatzes, direkt auf das „Foodbag“ vor dem Haupteingang. Die Dönerbude soll jetzt allerdings einige Meter um die Ecke ziehen, zur Bushaltestelle. Schade. Würde so gut passen.

Das Eröffnungsfest beginnt um 18 Uhr; Eintritt frei; www.aufbauhaus.de

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