Berlin : "Das Berlin-Paket": Ungeahnte Entfaltung

Andreas Conrad

Genau genommen dürfte man über ein Buch wie "Das Berlin-Paket" nichts schreiben. Keine Zeile. Denn jeder Hinweis auf das Innenleben dieses quadratischen Papierklotzes muss doch die Überraschung mindern, mithin seinen Reiz schmälern. Der ist besonders bei unvorbereitetem Blättern erheblich, schnell wird man von zahlreichen Neugierigen umlagert, die lachen, staunen, unter vielen "Ohs" und "Ahs". Andererseits: Ohne Beschreibung dieses brandneuen, rechtzeitig zur Frankfurter Buchmesse auf den Markt gebrachten Berlin-Bandes ginge er in der Flut der anderen Titel womöglich unter, und das wäre jammerschade. Also, aufgepasst.

Nehmen wir "Das Berlin-Paket" zur Hand, schlagen wir es - Vorsicht, nichts zerreißen! - an beliebiger Stelle auf: Unter Knistern, Rascheln, Scharren schieben sich plötzlich das Brandenburger Tor oder das Jüdische Museum in die Höhe, das "Gürteltier"-Haus der Industrie- und Handelskammer und Berliner Börse, die rote Ziegelfassade des Kollhoff-Turms am Potsdamer Platz steigt empor, oder der Reichstag faltet sich auf, samt Sir Norman Fosters Überraschungsei. Das gibt es beim Ausklappen der rechten Halbseite gleich noch einmal en detail, samt dem schicken innerem Glastrichter. Ganz recht, das Ganze ist ein Pop-up-Book, und was für eins. Das letzte Mal hielt man dergleichen in früher Kindheit in Händen, "Hänsel und Gretel" womöglich, und gern erinnert man sich daran, wie spielend leicht - "Knusper, knusper, knäuschen" - sich das Hexenhaus öffnen und schließen ließ.

Wackelbilder inklusive

Dieser Band nun ist ein Sachbuch über das so genannte Neue Berlin, die Mitte der wiedervereinigten Metropole, mit ihren vielen Neubauten, ihrem sich rasant wandelnden Alltag, kulturell, politisch, sozial, aber auch mit ihrer Geschichte, ihrem Mythos. Ein wahrhaft märchenhaftes Sachbuch, man darf hier wirklich einmal schwärmen. Über die Alfred-Jackson-Girls von 1922 beispielsweise, die als Wackelbild - und hoch das Bein - den Glanz der alten Friedrichstraße illustrieren. Über das Schiebebild vom Potsdamer Platz, das einem - "Bitte ziehen!" - in Blitzesschnelle den Baufortschritt zwischen 1996 und 2001 vorführt. Über den herausnehmbaren Mauerplan, die aufklappbare Adlon-Speisekarte von 1930, das eingeklebte Heftlein zu Marlene Dietrich oder auch den Weinberg von Sanssouci, der sich nach Aufklappen des Potsdam-Beihefts vor einem erhebt.

Es ist ein Berlin-Buch, das zunächst einmal dem Spieltrieb aufs Schönste huldigt und die traditionelle Zweidimensionalität des Buches durch eine weitere, plastische Ebene überwindet, in übrigens handwerklich sorgfältiger Ausführung. Eines, in dem Berlin - warum auch nicht - im Modell und im Bild gefeiert wird, doch zugleich im Wort, das reichhaltig informiert über Vergangenheit und Gegenwart der gepriesenen Stadt.

Und wem das noch immer nicht genügt, der möge die beigefügte CD-ROM in seinen Computer stecken. Die Scheibe enthält ein virtuelles 3D-Modell des historischen Zentrums sowie viele Bild- und Tondokumenten aus den Archiven des Senders Freies Berlin. Um von dort zu den Ursprüngen des Rundfunks zurückzugelangen, muss man erneut die Doppelseite mit dem Potsdamer Platz aufschlagen. Am 29. Oktober 1923, so erfährt man dann, ging aus dem dritten Stock des dortigen Vox-Hauses die erste deutsche Radiosendung über den Äther: "Achtung, Achtung, hier ist Berlin auf Welle 400 Meter..."

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