Das Berliner Stadtschloss nach 1918 : Des Kaisers Nachmieter

Wilhelm II, Liebknecht, Krieg, Abriss – So kennt man die Geschichte des Stadtschlosses im 20. Jahrhundert. Doch wer nutzte es zwischen 1918 und 1950? Eine Zeitreise.

Christian Walther
Nach-Herrschaftszeiten. Das Helene-Lange-Heim, ein Tagesheim für Studentinnen, gehörte zu den frühen Mietern.
Nach-Herrschaftszeiten. Das Helene-Lange-Heim, ein Tagesheim für Studentinnen, gehörte zu den frühen Mietern.Foto: Ullstein Bild

Es ist der 9. November 1918: Der Kaiser in Belgien, im Großen Hauptquartier in Spa. Der Krieg ist verloren, und in Berlin ist Revolution. Es ist ein trüber Tag, kaum Sonne, um die zehn Grad. Mittags ruft der Sozialdemokrat Philipp Scheidemann auf einem Reichstagsbalkon die Republik aus.

Zwei Stunden später, gegen 16 Uhr: Die Dämmerung beginnt langsam, sich über die Stadt zu legen. Doch am Schloss herrscht lebhaftes Gedränge. Die liberale „Vossische Zeitung“ berichtet, ein kleiner Kraftwagen, auf dessen Oberdeck Karl Liebknecht unter einer großen roten Fahne stand, habe sich unter lebhaftem Jubel durch die Masse geschoben und gegenüber dem Hauptportal des Schlosses gehalten. Hier ruft jetzt auch Liebknecht, führender Kopf des kommunistischen Spartakusbundes, die Republik aus: „Das Alte ist nicht mehr. Die Herrschaft der Hohenzollern, die in diesem Schloss Jahrhunderte gewohnt haben, ist vorüber. In dieser Stunde proklamieren wir die freie sozialistische Republik Deutschland.“

Als die Defa gut fünfzig Jahre später Liebknechts Leben verfilmt, zitiert auch sie ihn mit diesen Worten und an diesem Ort. Also keineswegs auf jenem Balkon des Nordportals, der nach Abriss des Schlosses in das Staatsratsgebäude der DDR eingebaut wurde, begleitet von der Legende, Liebknecht habe von dort die Republik ausgerufen. Auf dem Balkon hat er zwar am 9. November auch noch geredet, aber eben nicht die Republik ausgerufen. Was der Spielfilm nicht zeigt, aber die „Vossische Zeitung“ am 10. November 1918 berichtet, ist dies: „Liebknecht verkündete, dass der Arbeiter- und Soldatenrat das Schloss in seinen Schutz genommen habe. Es sei kein beliebiges Privateigentum mehr, sondern Volkseigentum. Die Wache habe striktesten Befehl, jegliche Versuche, einen Angriff auf das Gebäude zu unternehmen, mit Waffengewalt zu vereiteln.“ Von da an ist das Schloss also nicht mehr das Schloss der Hohenzollern, sondern das Schloss der Republik.

Revolutionär. Karl Liebknecht (hier im Jahr 1911) sprach am 9. November 1918 am Schloss - doch anders, als es der Mythos will.
Revolutionär. Karl Liebknecht (hier im Jahr 1911) sprach am 9. November 1918 am Schloss - doch anders, als es der Mythos will.Quelle: Wikipedia

Das Schloss ohne Kaiser verwaist? Keineswegs!

Das Haus überstand die Wirren der Revolution dann relativ unbeschadet. Zwar gab es Heiligabend 1918 noch Schusswechsel zwischen den Truppen der vom Sozialdemokraten Ebert geführten Volksbeauftragten und der im Schloss lagernden revolutionären Volksmarinedivision, bei denen auch die Schlossfassade beschädigt wurde; und massive Plünderungen hatte es auch gegeben. Später wurden dem Kaiser noch Möbel, Porzellan, Bilder aus seinen Privatgemächern hinterhergeschickt nach Doorn, ins niederländische Exil, doch insgesamt war das Haus in guter Verfassung.

Und nun? Der Kaiser raus, das Schloss verwaist? Keineswegs. Ohnehin machten die kaiserlichen Gemächer nur einen Bruchteil des Schlosses mit seinen rund 1200 Räumen aus. Die meisten Flächen dienten Verwaltung und Repräsentation. Und über deren Verwendung dachte die politisch tief gespaltene Weimarer Republik zuerst nach. Der Kunsthistoriker Guido Hinterkeuser sagt, dass man das Schloss aus der politischen Schusslinie herausnehmen wollte. Und daher sei schon 1920 beschlossen worden, dass es dem Kunstgewerbemuseum überlassen werden sollte. Das saß damals in einem vierzig Jahre zuvor extra für seine Zwecke errichteten Bau in der Prinz-Albrecht-, heute Niederkirchner Straße. Er steht heute noch und ist inzwischen nach seinem Architekten Martin Gropius benannt. Das Kunstgewerbemuseum hatte damals stets wachsende Bestände und litt wohl unter Raumnot. Dennoch ist nicht ganz klar, ob das Museum ins Schloss drängte oder vom Staat ins Schloss gedrängt wurde. Die heutige Chefin des Kunstgewerbemuseums, Sabine Thümmler, berichtet jedenfalls von erheblichen Vorbehalten des damaligen Chefs. Dennoch war der Beschluss schon 1921 umgesetzt – zur Freude der Stadtöffentlichkeit. Bereits am Vortag der Eröffnung des Museums für das Publikum am 1. September 1921 sei der Eingang am Eosander-Portal von Neugierigen bestürmt worden, berichtet der Kunstkritiker der „Vossischen Zeitung“, Max Osborn. Man habe sie vertrösten müssen. Für Guido Hinterkeuser bleibt heute das geradezu verblüffende Tempo des Umzugs bemerkenswert: „Das ist natürlich enorm verglichen mit heute – ein Museumsumzug inklusive Aufstellung der Objekte und Eröffnung innerhalb eines Jahres.“

Langzeitdokumentation vom Bau des Berliner Stadtschlosses
Da sind wir auch schon wieder, liebe Freunde unserer Langzeitdokumentation.Weitere Bilder anzeigen
1 von 570Foto: Kitty Kleist-Heinrich
23.06.2017 14:38Da sind wir auch schon wieder, liebe Freunde unserer Langzeitdokumentation.

Das Kunstgewerbemuseum, jetzt als „Schlossmuseum“ firmierend, war dann auch der größte Nutzer des Schlosses und belegte nahezu sämtliche Räume des Lustgartenflügels. Erst erheblich später wurden auch die früheren kaiserlichen Wohnräume geöffnet. Die Gemächer der Monarchen wurden mit äußerster Delikatesse behandelt. Hinterkeuser erinnert daran, dass ja mitnichten alle über die Abschaffung der Monarchie glücklich gewesen waren. Der Kaiser habe natürlich noch viele Anhänger gehabt, und die zunehmende Polarisierung in der Gesellschaft habe den monarchischen Gedanken auch noch gestärkt. Deshalb habe man bewusst die Räume, die Wilhelm II. benutzt hatte, bei Neunutzungen erst einmal außen vor gelassen – eine kluge Entscheidung, wie der Historiker befindet, auch wenn diese Räume weitgehend leer standen.

Das Ziel: kein monarchistisches Gruselkabinett schaffen

Konservatorische Bedenken kamen hinzu, hatte der letzte Kaiser doch in erheblichem Umfang allerlei mehr oder minder gelungene Umbauten vorgenommen, die nun zurückgebaut werden sollten. Didaktische Erwägungen gab es auch: Man wollte die kaiserlichen Privaträume – und das waren lediglich rund 20 Zimmer – nicht so präsentieren, dass „das Publikum da hindurchgeht wie durch ein Gruselkabinett und sich über den Kaiser lustig macht“. Also wurde zunächst ein Konzept erarbeitet, dann umgebaut und schließlich erst 1926 wieder eröffnet. Allerdings hatte man jetzt nicht Kaiser Wilhelms Wohnung vor sich, sondern ein sorgsam gestaltetes Museum. Wer sich hier von Raum zu Raum bewegte, bewegte sich nun zugleich von einer Epoche der Hohenzollern zur nächsten.

Das Schlossmuseum war täglich von 9 bis 15 Uhr geöffnet, wenn auch mit einem originellen System: Sonntag, Montag, Mittwoch und Freitag wurde das Obergeschoss, Saal 1 bis 37, gezeigt, Dienstag, Donnerstag und Samstag Erdgeschoss und erster Stock, Saal 38 bis 70. Auch die Preise folgten einem heute schwer nachvollziehbaren System: sonntags eine Mark, montags fünf, die anderen Tage zwei – außer Mittwoch, da war der Eintritt frei. Auch wenn exakte Zahlen fehlen, lässt sich sagen, dass die Museen im Schloss ein Magnet waren für die Einheimischen und erst recht für den Fremdenverkehr. Sabine Thümmler sagt sogar, das Schlossmuseum sei das meistbesuchte Museum Berlins gewesen. Ähnlich äußert sich Historiker Hinterkeuser, der von einem „der bestbesuchten Museen in der Weimarer Republik, und auch noch im nachfolgenden Dritten Reich“ spricht.

Doch das Schloss war nach der Revolution keineswegs nur Museum. Im Gegenteil. Es war auch Wohnhaus, Bürohaus und es wurde, mehr und mehr, wissenschaftliches Zentrum. Die Schlösserverwaltung residierte in dem Bau – und das Schlossbauamt auch, das dafür sorgen sollte, die gesamte Immobilie überhaupt nutzbar zu machen: Zentralheizung, Wasserleitungen, elektrisches Licht, Toiletten.

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