Berlin : "Das Bernsteinzimmer": Sechs Tonnen des gelben Gesteins für den Saal der Zaren

Michael Brunner

Es ist dieses unglaublich warme Leuchten. Museums-Chefin Iraida Bott aus St. Petersburg zeigt auf eine Schatulle aus Bernstein, und die Zuschauer staunen. Das kostbare Stück war im Besitz der russischen Zaren, seit es vor fast 300 Jahren die Werkstatt des deutschen Kunsthandwerkers Gottfried Turau verlassen hatte. Lange stand die Schatulle im Bernsteinzimmer der Zaren in ihrer Sommerresidenz in Zarskoje Selo bei St. Petersburg. Jetzt ist das Kleinmöbel in Berlin zu sehen. Heute Abend um 19 Uhr wird im Schloss Britz die Ausstellung "Das Bernsteinzimmer" eröffnet. Es ist die letzte Gelegenheit, Originalstücke und nachgefertigte Duplikate noch einmal außerhalb Russlands zu sehen. Am 18. Dezember kehren die Schätze nach Zarskoje Selo zurück.

Dass in den Filmen, Büchern und Artikeln über das Bernsteinzimmer vom "8. Weltwunder" oder vom "Mythos Bernsteinzimmer" die Rede ist, hat mit seiner Bedeutung für die Beziehungen zwischen Russland und Deutschand zu tun. Soldatenkönig Friedrich Wilhelm I schloss mit Zar Peter dem Großen einen Beistandspakt und besiegelte die Freundschaft 1717 mit einem Geschenk: Er schickte zwölf bernsteinfurnierte Wandfelder, zehn Sockelfelder, Fragmente und Gesimsteile an den Zaren. Das war die erste Version des Bernsteinzimmers, das gerade einmal 16 Quadratmeter maß. Zwischen 1755 und 1768 wanderten die Paneele ins Bernsteinzimmer des Katharinenpalais in Zarskoje Selo, wo fortan alle Bernstein-Kostbarkeiten der Zaren gesammelt wurden. So entwickelte sich im Lauf der Zeit jener 90 Quadratmeter große Saal, der heute als "Bernsteinzimmer" bezeichnet wird. Die geheimnisumwobene Kemenate ging im Zweiten Weltkrieg auf rätselhafte Weise verloren. Bekannt ist nur, dass die deutsche Wehrmacht das Ganze 1942 raubte. Zweck war eine Ausstellung im Bernsteinmuseum des Königsberger Schlosses. Danach verlieren sich die Spuren.

Für Iraida Bott ist es bis heute ein Geheimnis, wie das Zimmer damals verpackt und transportiert worden ist. Denn ein Drittel der Wandpaneele war so mürbe, dass sie kurz vor dem Zerfallen waren. "Für 1941 war eine Restaurierung geplant, aber sie konnte nicht verwirklicht werden", sagt die Museums-Chefin und verkneift sich jede Bemerkung über den Einmarsch der Deutschen vor 59 Jahren. Vielleicht ist das ein Zeichen dafür, dass die Beziehungen heute wieder sehr gut sind. Fest steht jedenfalls, dass derzeit 50 russische Fachleute an der Rekonstruktion des "Bernsteinzimmers" arbeiten. "Sechs Tonnen Bernstein sind bereits verarbeitet worden", sagt sie und beziffert die Kosten mit acht Millionen Dollar. Allein 3,5 Millionen Mark hat die Ruhrgas AG als Sponsor beigesteuert. Geplant ist, das Zimmer bis zum 2003 fertigzustellen.

Wo das Original des Bernsteinzimmers ist, kann Iraida Bott nur vermuten. "Vielleicht bei uns. Gorbatschow und Jelzin haben behauptet, sie wüssten Bescheid." Für den Fall der Fälle gibt es eine Lösung: Wenn das Original auftaucht, kommt es nach Zarskoje Selo, und die Nachbildungen gehen auf eine Wanderausstellung um die Welt.

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