Berlin : Das Beste zum Schluss

Kosewo, km 3625: Ihr Berufsleben verbrachte Renate Marsch-Potocka immer im Zentrum des Geschehens. Als Rentnerin genießt sie die stille Schönheit eines masurischen Dörfchens

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Dingdong! Der Riesenschnauzer hinten im Garten schaut böse durch den Zaun, aber der Rauhaardackel vorn am Tor wirft sich gleich zur Begrüßung auf den Rücken. Schön für ihn, dass sich mal einer hierher ins Dörfchen Kosewo verirrt, wo die Straßen namenlos und sandig sind und die Bahntrasse in Richtung Litauen die bucklige masurische Landschaft zerteilt.

Renate Marsch-Potocka bittet ins Haus. Der Riesenschnauzer dreht ab, der Dackel erklimmt das Hosenbein. Die Hausherrin kocht Tee. 68 Jahre ist sie alt, aber trotz ihrer grauen Haare und der selbsttönenden Brille hat sie nichts Omahaftes. Sie lebt allein in ihrem Haus, von dem aus sie einen Hang hinunter und über den Dorfteich schaut, um den ein paar Häuschen in der Landschaft verstreut sind. Renate Marsch-Potocka hat das leere Nachbargrundstück gleich mit gekauft, damit ihr niemand den Blick auf Masuren verbauen kann, das sie so liebt.

Die Gegend ähnelt stark der Mecklenburger Seenplatte – allerdings nicht der heutigen, sondern der von ganz früher, als es noch keine großen Felder gab, als Alleebäume noch Schattenspender waren und keine Bedrohung. „Hier gibt es noch richtige Landschaft und nicht nur Nutzfläche“, sagt die Hausherrin. „Ich finde es ja schön, wenn nicht alles mit dem Lineal gestaltet ist.“ Zwar sprießen auch hier die ersten scheußlichen Country-Hotels, aber Renate Marsch-Potocka hofft, dass die Leute genug Verstand haben, um sich nicht den eigenen Ast abzusägen. Denn die vielen Urlauber aus Warschau kämen ja wegen der ursprünglichen Landschaft. Und die deutschen Individualtouristen erst recht. Nur die russischen Wochenendausflügler aus dem Kaliningrader Gebiet – Geld beschleunigt die langwierige Grenzkontrolle – bevorzugten den Betonklotz im Touristenort Nikolaiken. Der Ort liegt günstig am größten masurischen See, der nur an wenigen Stellen zugänglich ist.

Die Infrastruktur ist dünn, aber sie reicht zum Leben: der Dorfladen, den Renate Marsch-Potocka wegen des unverschämt glänzenden Eingangstores „Golden Gate“ nennt, ist fast nebenan. Sie mag ihr Dorf. Aufgewachsen ist sie in Potsdam. 1952 ging sie nach West-Berlin, um Jura zu studieren. Später bekam sie eine Stelle bei der Nachrichtenagentur dpa in Paris, 1965 übernahm sie den Posten in Warschau, den die Kollegen verschmähten. Sie war mit einem Polen verheiratet und hat zwei Kinder, die in der Nähe leben. Ihr Sohn betreibt eine Wirtschaft mit Gestüt, für die er schon EU-Fördergeld beantragen wollte. „Aber die Formulare sind irre kompliziert. Es gibt schon die ersten Profis dafür – wie Steuerberater in Deutschland.“

Die wunderbare Umgebung sei auch den schlechten Böden hier im südlichen Masuren zu verdanken: Weiter im Norden, wo die großen ostpreußischen Güter waren und nach der Wende die staatlichen Produktionsgenossenschaften geschlossen wurden, „da sind alle in die Wodkaflasche gefallen“, sagt Renate Marsch-Potocka. „Die können auch nicht viele Touristen anlocken, weil die großen Seen eher hier im Süden sind.“ Und die Schlösser der Dönhoffs und Lehndorffs verfallen, weil niemand ihre Sanierung bezahlen kann. „Aber ich liebe das Land hier“, sagt Renate Marsch-Potocka, „und die Menschen. Sie sind herzlicher, spontaner und fantasievoller als in Deutschland. Und nicht ganz so ordentlich.“ Unter dem Fenster döst der Dackel neben dem Riesenschnauzer in der Sonne. Dahinter glitzert der Dorfteich.

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