DAS BEWOHNERPORTRÄT : Vera Kollodzy, 71 und Walter Germendorff, 78

Pflegehei

m:

Haus der Betreuung und Pflege Dr. Arno Philippsthal, Marzahn

Pflegestufe: 1 / 1

Neues Zuhause in der Puppenstube: Ossi mit den flauschigen Ohren liegt oft neben Walter Germendorff auf der Couch. Etwa wenn der 78-Jährige Volksmusik hört. Vera Kollodzy sitzt dann nebenan in einem fast identischen Zimmer auf ihrem Sofa und hört Klassik. Oft aber muss Plüschhund Ossi seinen Platz für die 71-Jährige räumen – wenn sie zu Besuch zu ihrem „Kurschatten" kommt, wie sie Walter Germendorff liebevoll nennt. Vor fünf Jahren hatte die Berlinerin den Hamburger im Urlaub in Bad Bevensen kennen gelernt. Heiraten wollte sie nach 21 Jahren als Witwe nicht noch einmal. Aber sie zog nach kurzer Zeit mit ihm zusammen ins Haus der Betreuung und Pflege Dr. Arno Philippsthal in Marzahn – in „unsere Puppenstube", wie sie sagt. Zwischen ihren Zimmern liegt ein kleiner Flur, von dem auch das Bad abgeht. Sie hat vorher in der Nähe gelebt und den Heimplatz schon lange vorsorglich gebucht. So ging es schnell, als sie merkte dass sie in ihrer großen Wohnung nicht mehr zurechtkam. Er fand die Idee gut. Die Fernbeziehung zwischen Hamburg und Berlin war für den Rollstuhlfahrer anstrengend. Damit er an sie dachte, wenn sie getrennt waren, schenkte Vera Kollodzy ihm damals Ossi. „Der stammt wie ich aus dem Osten".

Geteiltes Leid: Die beiden haben nicht viel gemeinsam: Sie war Berufschullehrerin, er Schriftsetzer. „Ich bin Atheistin und Kommunistin, er ist mit der Kirche verbunden und der Klassenfeind". Doch ihre Krankengeschichten ähneln sich. Beide wirken auf den ersten Blick jünger und ziemlich fit. „Die Hülle ist noch gut“, sagt Vera Kollodzy. Innen drin aber sehe es schlecht aus. Besonders bei ihr. Gerade erst hat sie sich halbwegs von einer Gebärmutterkrebserkrankung erholt. Rechnet man die Schlaganfälle der beiden zusammen, kommt man auf neun – sie hatte acht, er einen, als er vor acht Jahren nach einem schweren Verkehrsunfall im Koma lag. Als er wieder aufwachte, war er halbseitig gelähmt. Sie kann die linke Hand nur noch mithilfe der rechten bewegen, am linken Bein trägt sie eine Metallschiene. Die hilft beim Laufen. „Das habe ich mit viel Training wieder gelernt“, sagt sie. Wenn Walter Germendorff vom Sofa aufstehen will, packt sie ihn am Hosenbund und zieht – sonst schafft er es nicht bis zu seinem Rollstuhl. Das gleiche mache er aber auch oft bei ihr, sagt sie. „Wir sind zwei Humpelbeine, die sich gesucht und gefunden haben.“ Bevor sie ihn kennen lernte, fragte sie sich manchmal, warum sie nach den Schlaganfällen eigentlich wieder aufgewacht war. Jetzt nicht mehr. Ihr letzter Blick vor dem Einschlafen gilt meist ihm – auf dem Foto auf ihrem Nachttisch. Er liegt nebenan – mit Ossi. dma

» Mehr lesen? Jetzt kostenfrei E-Paper testen!

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben