• Das Bistum streicht – wo und wie, sollen die Ehrenamtlichen sagen Der Bischof hat den Kirchenvorständen einen Leitfaden zum Personalabbau geschickt – die fühlen sich überfordert

Berlin : Das Bistum streicht – wo und wie, sollen die Ehrenamtlichen sagen Der Bischof hat den Kirchenvorständen einen Leitfaden zum Personalabbau geschickt – die fühlen sich überfordert

Claudia Keller

Das Sparkonzept steht – nun müssen die harten Schnitte gesetzt werden. Und das sollen die Ehrenamtlichen in den Gemeinden erledigen. Der Bischof und die Berater von McKinsey, die für das Berliner Erzbistum148 Millionen Euro einsparen wollen, setzen auf die Kirchenvorstände. Das geht aus dem „Leitfaden“ hervor, den Kardinal Georg Sterzinsky jetzt den Pfarreien geschickt hat. Ab September sollen monatlich 20 Gemeinden fusionieren. Danach soll nur noch die Hälfte der derzeit 207 Gemeinden da sein. Außerdem fällt ein Drittel der Stellen weg. Die Kirchenvorstände müssen entscheiden, welche Gemeindemitarbeiter entlassen werden, sie müssen die Betroffenen zu Aufhebungs- oder Änderungsverträgen überreden, sie müssen die betriebsbedingten Kündigungen aussprechen – und sich sogar um den Verkauf von Gemeindeimmobilien kümmern. Und das alles als Ehrenamtliche. Wenn sie es versäumen, den Personalüberhang abzubauen, sollen sie auch noch dafür haften. „In diesem Fall haftet der Kirchenvorstand seinen Dienstnehmern gegenüber für den Betrag der ausgebliebenen Gehaltszahlungen“, steht im „Leitfaden“.

Viele Kirchenvorstände fühlen sich angesichts der großen Verantwortung überfordert und allein gelassen – trotz der neuen Handreichung. „An uns Ehrenamtlichen bleibt alles hängen“,, sagt ein ehemaliges Mitglied des Kirchenvorstands einer Charlottenburger Gemeinde, „mir ist die Verantwortung zu hoch“. Er ist aus dem Gremium ausgetreten. Das sei kein Einzelfall, sagt Pater Urban Hachmeier von St. Ludwig, immer mehr Kirchenvorstände würden aufgeben. „Bisher haben wir immer nur Geld ausgegeben und Leute eingestellt“, sagt Erwin Hug, der im Kirchenvorstand der St. Bonifatius-Gemeinde in Kreuzberg ist. „Nun müssen wir kürzen, das ist eine sehr schwierige Situation.“ In dem zehnköpfigen Kirchenvorstand von St. Bonifatius seien viele Akademiker, sagt Erwin Hug. Er selbst ist Verwaltungsfachmann. „Es fehlt uns aber das arbeitsrechtliche Know-how.“

„Die Verantwortung und die Last ruht auf den Kirchenvorständen, sie ist viel größer geworden“, sagt Stefan Förner, der Sprecher des Erzbistums. Das Haftungsrisiko habe aber für den verantwortlich denkenden Kirchenvorstand nicht zugenommen. Denn nur bei grober Missachtung oder Fahrlässigkeit würden die Ehrenamtlichen zur Rechenschaft gezogen. Außerdem müssten die meisten Entscheidungen sowieso von der Bistumsleitung abgesegnet werden.

Aus dem „Leitfaden“ geht hervor, dass bei der Gemeindefusion die kleinere per Dekret des Erzbischofs aufgelöst und in die größere integriert wird. „Als Name für die gemeinsame Kirchengemeinde wird in der Regel der Name der größeren Gemeinde beibehalten.“ Ist die Fusion rechtlich vollzogen, bleiben dem Kirchenvorstand 60 Tage, um zu entscheiden, wie die fusionierte Großgemeinde künftig aufgestellt sein soll. Viel Zeit wird da nicht bleiben, um zu überlegen, welche Mitarbeiter entlassen werden, ob man lieber auf die Putzfrau verzichtet und dafür einen Kirchenmusiker einstellt, oder ob man die Öffnungszeiten für das Pfarrbüro und damit die Arbeitszeit der Sekretärin einschränkt und stattdessen den Hausmeister länger arbeiten lässt. Denn außerdem müssen die Kirchenvorstände bedenken, in welchem Fall ein Aufhebungsvertrag für die Gemeinde sinnvoller ist als eine betriebsbedingte Kündigung und wie es mit dem Kündigungsschutz aussieht, sie müssen die Kriterien der Sozialauswahl beachten und die Mitarbeitervertretungen befragen.

Immer wieder werden die ehrenamtlichen Entscheider auf den 80 Seiten ermahnt, sich nicht allzu viel Zeit zu lassen. Denn die Gründe, die zum Entwurf des Plans zur Neugliederung der Kirchengemeinden im Erzbistum geführt haben, hätten nichts an Aktualität und Schärfe eingebüßt, schreibt Kardinal Georg Sterzinsky im Vorwort. „Ganz im Gegenteil. Die Verschlechterung der Haushaltssituation des Erzbistums macht es unausweichlich, die Anstrengungen zu erhöhen.“

Einige Kirchenvorstände haben die anstehenden Personalentscheiden erst einmal zurückgestellt und wollen sich juristisch beraten lassen. Erwin Hug hofft auf den Beistand der „Gemeindebegleiter“, die den Pfarreien laut Leitfaden „idealerweise“ helfen werden.

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben