Berlin : Das blaue Geheimnis des Star-Tenors José Carreras in der Philharmonie

Elisabeth Binder

Die blonde Frau hält in jeder Hand eine blaue Leuchtröhre und schwenkt sie enthusiastisch hin und her. Und das in der Philharmonie! Eine andere reckt dem Subjekt ihrer Verehrung flehentlich einen Blumenstrauß entgegen. José Carreras nimmt ihn mit einer kleinen Verbeugung an. Andere Frauen klettern auf die Bühne. Wo sonst der gewaltige Klangkörper eines philharmonischen Orchesters wirkt, hat er den Abend ganz allein bestritten, mit der Unterstützung des Pianisten Lorenzo Bavay und des Nuovo Quartetto Italiano. Was für eine Herausforderung das ist, hatte ein junger Mann klar gemacht, der vor Beginn dem Publikum mitteilen wollte, dass Herr Carreras trotz einer Zerrung am Fuß sein ganzes Programm singen wolle: Er war fast nicht zu verstehen.

Beim ersten Lied über den bei Neumond von seiner Geliebten träumenden Matrosen merkte man noch, dass sich die Atmosphäre irgendwie aufladen musste mit Klang, mit Stimme, mit Noten, dass so ein Raum andere Dimensionen kennt und nicht leicht zu füllen ist. Aber schon beim dritten, „Segreto“ (Geheimnis), war das alles vergessen. „Schmerzerfüllt verzehrt sich meine Seele; ich liebe und kann mein Geheimnis nicht verraten…“ Die ersten Bravorufe und in den hinteren Rängen ein Mann, der bewundernd aufseufzt: „Toll, wie der die Stimme hält!“

Die Vermählung von Popkultur mit klassischer Musik fand vor Jahren bei Open-Air-Konzerten statt. Aus dieser Verbindung sind Kinder hervorgegangen, und die sehen wohl aus wie dieser Liederabend mit dem spanischen Star-Tenor. Die Texte teils kitschig wie Schlager, aber in gefühlvolles Italienisch eingehüllt, dann doch wieder eher romantisch wirkend. Die Präsentation nicht zu kompliziert. Die Stimme halten, ja, aber keine allzu ungewöhnlichen Hörerlebnisse verursachen. Das würde die Konsumierbarkeit vielleicht erschweren. Wenn vom April die Rede ist, der Zeit der Liebe, wenn „O Primavera …!“, dem Frühling, gehuldigt wird, wenn die Erinnerung an einen Maienabend beschworen wird, es um „Leidenschaft“ geht, gar um „Musica Proibita“, verbotene Musik, dann darf es nicht zu schwer und ernst werden. Schon, weil die Zuhörer noch ein bisschen jubeln wollen und sich auf diese Weise sechs Zugaben erkämpfen. „Da capo“, ruft einer vor der ersten, und alles lacht. Bei der vierten Zugabe dreht sich der Sänger all jenen zu, die bislang vor allem seinen Rücken zu sehen bekommen hatten. Noch mehr Begeisterung.

Verlieren diese Hallen deshalb an Heiligkeit, weil mit „St. Lucia“ (fünfte Zugabe) der Superhit der Pianobars dieser Welt die Leute von den Sitzen reißt? Noch ist es nicht so, dass nur die melodiösen Refrains gesungen werden, weil die Menschen zu mehr weder Zeit noch Geduld haben. Noch bringt der Tenor ganze Lieder zu Gehör. Und durfte dafür schon mal ins Blaue hineinsehen. Wer weiß, in welche Zukunft ihn die Leuchtröhren haben blicken lassen.

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