Berlin : Das Blech der Kindheit

Brandenburgs einziges Spielsachen-Museum in Kleßen präsentiert gesammelte Raritäten

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Das motorisierte Kinderzimmer. Motorradfahrer, Limousinen, Puppenstuben, Kaufläden – alles im Miniformat. Was die Großeltern als Kinder liebten, ist jetzt im Museum des kleinen Havelland-Ortes Kleßen zu sehen. Foto: Claus Dieter Steyer
Das motorisierte Kinderzimmer. Motorradfahrer, Limousinen, Puppenstuben, Kaufläden – alles im Miniformat. Was die Großeltern als...

Klessen – Auf einem Dachboden hat der Berliner Sammler Claus-Peter Jörger sie in den siebziger Jahren gefunden: Eine Käthe-Kruse-Puppe in der Originalverpackung von 1938; eine Rarität. Dort hatte sie seit dem Weihnachtsfest des letzten Winters vor dem Zweiten Weltkrieg gelegen. Einem Mädchen hatte das Puppengeschenk unter dem Tannenbaum nicht gefallen, es fand die Spielzeugautos des Bruders viel schöner. Die Eltern seufzten, verstauten das ungeliebte Geschenk auf dem Speicher – auf Nimmerwiedersehen.

Es sind diese Geschichten, die den Reiz von Brandenburgs einzigem Spielzeugmuseum im ehemaligen Schulhaus des Dorfes Kleßen im Havelland zwischen Friesack und Rhinow ausmachen. In fünf Räumen stehen Vitrinen voller Puppen, Eisenbahnen, Autos, Teddybären oder Baukästen. Auch Puppenstuben, Kaufmannsläden oder Puppentheater fehlen nicht. Alle Exponate haben eines gemeinsam: Ihre Entstehungszeit, wie die jener Käthe-Kruse-Puppe, liegt eine ganze Weile zurück. Das spiegeln die Reaktionen der Besucher wider. Immer wieder ist das Erstaunen über die Entdeckung eines aus der eigenen Kindheit bekannten Modells zu vernehmen – vor allem von Großmüttern und Großvätern. „Genauso einen Kipper aus Holz hatten wir zu Hause“, sagt der 76-jährige Horst Brinkmann aus Berlin. „Drei Brüder haben sich ständig darum gestritten.“ Im Handumdrehen folgt eine Geschichte auf die andere, und die Enkelkinder hören ungläubig zu.

Im Spielzeugmuseum Kleßen fehlt alles Moderne, alles, was blinkt oder Krach macht. Hier gibt es keine Mini-Computer, DVDs oder Fernseher, keine Barbie oder Prinzessin Lillifee. Die jüngsten Exponate stammen aus den achtziger Jahren, sowohl aus Ost- als auch aus Westdeutschland. Den meisten Platz nehmen Spielzeuge aus der Vor- und Nachkriegszeit ein. Und ein Phänomen zieht sich durch alle Epochen: Nicht lange, nachdem die Dinge in der richtigen Welt erfunden wurden, gab es sie schon als Spielzeug. So fuhr die erste Modelleisenbahn 1850 durch die Kinderstuben, 15 Jahre nach der Eröffnung der ersten Zugstrecke zwischen Nürnberg und Fürth. Auch Autos, Luftschiffen und Flugzeugen folgten um 1900 die ersten Nachbildungen für Kinder.

Von der Raffinesse der Spielzeugbauer zeugt nicht zuletzt die eigens für die Weihnachtszeit aufgebaute Modelleisenbahnanlage der Spur null mit Lokomotiven und Waggons der Firma Märklin aus den dreißiger und vierziger Jahren. Die Gäste im Spielzeugmuseum können sogar selbst in die Rolle des Fahrdienstleiters schlüpfen. Zahlreiche Stücke erinnern auch an die fast schon vergessene Spielzeughochburg in der Havelstadt Brandenburg. Gleich vier Handwerksbetriebe produzierten hier vor dem Krieg vor allem Erzeugnisse aus Blech und Holz. Ernst Paul Lehmann, der auf einigen seiner Automodelle den Schriftzug „Brandenburg voran“ verewigte, und auch die Orowerke oder Brennabor zählten zu den bekanntesten Produzenten. An einem Punkt ist das historische Museum ganz modern, weil interaktiv: Damit die Kinder altes Spielzeug nicht nur in Vitrinen betrachten müssen, gibt es im Haus mehrere Spielecken – mit nostalgischem Inventar. Claus-Dieter Steyer

Das Spielzeugmuseum in Kleßen ist sonnabends und sonntags von 11 bis 17 Uhr geöffnet. Gleich nebenan lädt ein Café zum Verweilen ein. Kleßen liegt unweit der Bundesstraße 5, die von Spandau über Ribbeck bis nach Friesack führt. Infos: 033 235 29 311 oder www.spielzeugmuseum-havelland.de

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