Das Buchstabenmuseum in Berlin-Mitte : Alles Gute kommt von oben

Das Buchstabenmuseum ist nach Mitte gezogen – und freut sich über ein neues Vorzeigestück: die Tagesspiegel-Buchstaben aus der Potsdamer Straße.

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Da sind sie ja!
Da sind sie ja!

Zeitung und Buchstaben – das gehört irgendwie zusammen, nicht wahr? Manchen meinen sogar, Zeitungen gehörten ins Buchstabenmuseum, und da macht der Tagesspiegel jetzt den Anfang. Allerdings nur mit zwölf Riesenlettern, die zwei Jahrzehnte lang über dem alten Verlagshaus in der Potsdamer Straße für diese Zeitung warben. Der neue Gebäudeeigentümer hatte sie abmontiert und im Keller gelagert, bis sie dort von Barbara Dechant, der Leiterin des gemeinnützigen Berliner Buchstabenmuseums entdeckt und befreit wurden. Vom heutigen Sonnabend an sind sie wieder zu sehen, denn das Museum gibt erstmals nach dem Umzug Einblick in seine Bestände.

Auf dem Tagesspiegel-Dach standen damals aber 24 der knapp mannshohen Buchstaben, je ein Schriftzug nach Süden und nach Norden. Einer fürs Museum – und der andere? Der kam zu „Edenspiekermann“, jener mindestens ebenso von Buchstaben abhängigen internationalen Design-Agentur, die die alten Tagesspiegel-Konferenzräume im sechsten Stock bezogen hat. Dort ist kein Platz für alle zwölf, aber doch für das Herzstück: ESPI steht dort nun, Kürzel für den Firmennamen und, fast, Tagesspiegel-Mitte.

Die Buchstaben im Museum sind noch nicht ganz so schön geputzt. Man sieht ihnen die harte Zeit in Wind und Wetter über den Dächern noch an, aber es sind in den Augen der Expertin wichtige und rare Buchstaben. „Jeder ist aus drei Teilen zusammengefügt“, sagt sie, das sei selten.

Das Museum, das Dechant zusammen mit ihrer Mitstreiterin Anja Schulze leitet, ist ganz diesen großen Buchstaben gewidmet, gedacht als ein Teil des Stadtgedächtnisses. Es sind Buchstaben, die eine Geschichte erzählen, die Erinnerungen wachrufen an eine Zeit, in der Schriftzüge viel stärker als heute das Stadtbild prägten – und nicht alle für das Gleiche warben. Nach zwei provisorischen Aufenthalten ist die ständig anwachsende Sammlung nun in der Holzmarktstraße an der Jannowitzbrücke erst einmal zur Ruhe gekommen, mitten in Berlin. Die ehemalige Kaufhalle soll zwar abgerissen werden, doch das kann noch ein paar Jahre dauern, genug für die beiden Sammlerinnen, um dort heimisch zu werden.

Ihr Suchraster ist einfach, reicht von A bis Z: Möglichst groß sollen die Buchstaben sein, von Dächern, Fassaden, Schaufenstern stammen, gern aus Neonröhren aufgebaut. Eins der Prunkstücke sind die „Zierfische“, ein fließender Schriftzug, den der DDR-Designer Manfred Gensicke seiner eigenen Handschrift nachempfunden hatte – einst ein Blickfang am Frankfurter Tor. Viele erkennbar alte Schriften stammen aus Ost-Berlin, wo sie sich der Modernisierung länger entziehen konnten, viele jüngere stehen vor allem für den rasanten Wandel des letzten Jahrzehnts: Die Wertheim-Buchstaben vom Kurfürstendamm stehen dort beispielsweise, das W von Harry W. Hamacher aus der Paulstraße oder das Ö vom Lichthaus Mösch in der Tauentzienstraße. Das meiste kam nicht direkt von der Fassade, war schon irgendwo eingelagert und musste manchmal detektivisch zugeordnet werden.

Ein besonders großer, mit Neonröhren beleuchteter Schriftzug kommt vom Bekleidungsgeschäft Ebbinghaus in der Leipziger Straße, von jenem Haus also, das vorübergehend auch Domizil des Museums war. Buchstaben von den Rathauspassagen und der Deutschlandhalle stehen da, aber auch eher Unbekanntes wie die Lettern von „Wäsche Klebba“ in der Bismarckstraße. Vieles stammt auch aus anderen Städten, so die AEG-Buchstaben aus Frankfurt, die mit drei Metern Höhe größten der Sammlung.

Das Museum gleicht kurz nach dem Umzug noch einem Lager, vieles ist zunächst Idee. Aber, so sagt Anja Schulze: „Wir hatten so viele Anfragen, dass wir uns entschlossen haben, einfach erst mal aufzumachen.“ Bernd Matthies

Buchstabenmuseum, Holzmarktstr. 77, Mitte, Donnerstag bis Sonntag 13-17 Uhr, Eintritt 6,50, ermäßigt 3,50 Euro.

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