• Das "Café Mierscheid", benannt nach einem legendären, nie gesichteten SPD-Abgeordneten, hat eröffnet

Berlin : Das "Café Mierscheid", benannt nach einem legendären, nie gesichteten SPD-Abgeordneten, hat eröffnet

Eva Schweitzer

Jakob Maria Mierscheid ist ein vielbeschäftigter Abgeordneter. In diesen Wochen hat er vollauf damit zu tun, das "Rheinländer-Prozessionswegfall-Ausgleichsgesetz" durch den Bundestag zu bringen. Müssen doch die ins preußisch-protestantische Berlin gezogenen Rheinländer auf gleich drei traditionelle Umzüge mit Feiertagsgewand verzichten: Rosenmontag, Fronleichnam und Allerheiligen (gemeinsamer Gang zum Friedhof mit neuer Wintergarderobe).

Leider verhinderte der zeitraubende Kampf um Ausgleich und Gerechtigkeit, dass Jakob Maria Mierscheid selbst zur Eröffnung des nach ihm benannten Etablissements kommen konnte. Gestern abend eröffnete das "Café Mierscheid" an der Reinhardtstraße, ein Café, das mehr sein soll als ein Stück nach Berlin verpflanztes Bonn. Aris Papageorgiou, der auch die "Möwe" und die "Kaiserstuben" betreibt, hat eine Mischung aus Internet-Café und Kungeltreff für Presse und Politik im Sinn. Die Küche changiert zwischen Rhein ("Halver Hahn", was tatsächlich ein Käsebrötchen ist) und Spree (Halber Broiler). Es gibt ein Hinterzimmer "zum Kungeln" und einen etwas größeren "Kabinettsraum" mit einer Ausstellung von neuen und klassischen Polit-Karikaturen, darunter Heinz Jankofsky und Dieter Hanitzsch. An der Theke sitzend kann der Gast die Nachrichtensender CNN und NTV, aber auch Life-Übertragungen aus dem Bundestag beobachten, zum Kölsch oder zum Wein von der Ahr. Selbst das Klingelzeichen, mit dem die Abgeordneten zur Abstimmung in den Plenarssal gerufen werden, wird demnächst installiert. Wobei man zum Reichtag dann doch noch zehn Minuten zu Fuß braucht. Aber vom künftigen Haus der Bundespressekonferenz ist es ein Katzensprung, auch einige Zeitungsbüros sind recht nahe - so befindet sich die "Rheinische Post" gleich gegenüber, wie deren Vertreter gestern erfreut feststellte.

Neben mehreren Anschlüssen für Laptops gibt es im "Mierscheid" drei Computer mit Internet-Anschluss, spendiert vom "Bonner Generalanzeiger", der auch für das Nachrichtenleuchtband über der Theke aufkommt - hier laufen die neuesten dpa-Schlagzeilen. "Wir wollen heimliche Hauptstadtzeitung bleiben", sagt Hans-Dieter Weber, den seine Karte als "Handlungsbevollmächtigten der Verlagsleitung" ausweist. Was die Unterstützung den Generalanzeiger koste? "Viel Geld", sagt Weber. Benutzen darf diese Computer allerdings nur, wer Mitglied eines Clubs ist, und wer zu welchen Konditionen in den Club aufgenommen wird, daran wird noch gefeilt. "Aber wir wollen damit kein Geld verdienen."

Auch die Mierscheid-eigene Homepage ("www.mierscheid.de") lässt sich vom Café aus anklicken. Das dürfte sämtliche Zweifel von Ungläubigen zerstreuen, die gelegentlich verbreiten, der Abgeordnete - den in den fast 30 Jahren seines Wirkens noch nie ein Mensch gesehen hat - sei lediglich das Produkt der Phantasie einiger unterbeschäftigter SPD-Abgeordneter. Mal ehrlich: Gibt es unterbeschäftigte SPD-Abgeordnete?

Auch in der Bonner Südstadt gab es ein nach Mierscheid benanntes Lokal, aber natürlich nicht auf diesem High-Tech-Niveau. Übrigens setzt sich der katholische Sozialdemokrat, der seinen Wahlkreis im rheinland-pfälzischen Morbach im Hunsrück haben soll, nicht nur für Bonner ein: In einem Schreiben an den Regierenden Eberhard Diepgen verlangte er neulich, große Hunde müssten Wohngeld bekommen. Ganz sicher in Berlin das drängendste Problem.

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