Berlin : Das Centrum Judaicum will sich weniger abschotten

Das Polizeiaufgebot rund um die Synagoge in der Oranienburger Straße schreckt viele Besucher ab. Jetzt soll das Konzept geändert werden

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Von Amory Burchard

Die Oranienburger Straße in Mitte ist eine der belebtesten Straßen Berlins. Rund um die Uhr zieht eine Karawane von Touristen und Einheimischen von der Friedrichstraße zum Hackeschen Markt. Hinter der Ecke Tucholskystraße wird der Bummel allerdings zum Hindernislauf. Rot-weiße Absperrgitter lenken die Passanten vom Bürgersteig auf die Straße. Dahinter stehen sechs Polizeiposten, einige von ihnen mit Maschinenpistolen. Am Ende des Gitterkorridors ragt ein grüner Räumpanzer des Bundesgrenzschutzes auf. Geschützt wird das Centrum Judaicum. Das Polizeiaufgebot scheint auch Besucher des jüdischen Museums und des Kulturzentrums in der Neuen Synagoge abzuschrecken. Ein Viertel weniger kamen in den letzten zwölf Monaten. Jetzt planen Senat und Polizei ein neues Sicherheitskonzept.

„Tuet auf die Pforten“ steht auf zwei Stoffbahnen, die der Direktor des Centrum Judaicum jetzt an der Fassade anbringen ließ. Kein Protest gegen die Sicherheitsmaßnahmen, sagt Hermann Simon. Der Spruch aus dem Alten Testament (Jesaja 26, Vers 2) ist das Motto seines 1995 eröffneten Hauses. In der religiösen Tradition richte es sich an potenzielle Beter, die in die Synagoge eingeladen werden. Das Centrum Judaicum bittet mit dem Bibelwort Besucher in seine Dauerausstellung über die Geschichte der 1866 erbauten und im Zweiten Weltkrieg schwer beschädigten Neuen Synagoge und ihrer Gemeinde. Die Besucher müssen aber über rund 15 Meter auf der Straßenseite an den Absperrgittern entlang- und dann wieder zurück zu einem Seiteneingang laufen.

Niemand geht diesen Weg, ohne einen verstohlenen Blick auf die schusssicheren Westen und die Maschinenpistolen der Polizisten zu werfen. Nach den Terroranschlägen vom 11. September 2001 wurden die Posten noch verstärkt.

Centrum Judaicum und Neue Synagoge gehörten „wegen ihres besonderen Symbolcharakters für das jüdische Leben in unserer Stadt zu den besonders gefährdeten Objekten“, sagt Henrike Morgenstern, Sprecherin der Innenverwaltung. Deshalb der hohe Sicherheitsaufwand. Die starke Polizeipräsenz und die Absperrung „entsprechen der Gefährdungseinschätzung von Bundes- und Landeskriminalamt“.

Hermann Simon beklagt sich nicht über diesen Aufwand. Allerdings sei die Abschottung „kein erstrebenswerter Zustand“. An einer Stelle übt der Direktor Kritik: Die seit langem geplante Sicherheitsschleuse im Haupteingang müsse endlich eingebaut werden. Dann würde sich wieder eine breitere Pforte öffnen, die Besuchern signalisierte, dass das Centrum Judaicum ein offenes Haus ist. Eine Anlage, die Ende der 90er Jahre installiert worden war, musste kurz darauf wegen technischer Mängel außer Betrieb genommen werden. Seitdem können Besucher das Museum und andere Einrichtungen der Jüdischen Gemeinde nur durch den unscheinbaren Seiteneingang erreichen. Dort gibt es eine kleine Schleuse, in der nur ein Besucher zur Zeit abgefertigt werden kann. Vor Veranstaltungen kommt es so immer wieder zu langen Wartezeiten. Bauträger der zögerlichen Umbauten am Haupteingang ist die Senatsverwaltung für Stadtentwicklung.

Dort hat man pünktlich zum Jüdischen Neujahr am 8. September ein gute Nachricht für das Centrum Judaicum. Im Haupteingang solle demnächst eine neue Sicherheitsschleuse eingebaut werden, sagt Verwaltungssprecherin Petra Reetz. Die Baupläne müssten nur noch vom LKA geprüft und freigegeben werden. Auch die Innenverwaltung arbeitet an einem neuen Konzept für das Centrum: Was die baulichen Sicherheitsmaßnahmen angehe, sagt Sprecherin Morgenstern, werde derzeit zwischen LKA, Innen-, Kultur- und Bauverwaltung diskutiert, „wie man den optischen Eindruck verbessern kann“. An dem neuen Konzept werde „zügig gearbeitet“.

An einem gesunkenen Interesse an jüdischen Themen kann der Besucherschwund nicht liegen: Das vor einem Jahr eröffnete Jüdische Museum hat schon 750 000 Gäste angelockt und ist so zu einem der größten Besuchermagneten in Deutschland geworden.

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