Berlin : Das Deutsche Technikmuseum widmet sich der "Bewegten Kindheit"

Christoph Stollowsky

Das pedalbetriebene Kraft-Fahrzeug ist fast so alt wie das große Vorbild. Schon früh wollten die Kleinen am Volant Platz nehmenChristoph Stollowsky

Was muss das für ein Gefühl gewesen sein! Gerademal fünf Jahre alt und schon Herr am Steuer eines BMW 50 L. Azurblaue Karosserie, blitzendes Chrom, bewegliche Rückspiegel und die Kühlerhaube eine echte Überraschung. Ein sattes "Klack", dann lässt sie sich hoch heben wie beim Original und gibt den Blick auf einen Vier-Zylinder-Reihenmotor frei, der zum Verwechseln echt aussieht. Sehnsucht eines jeden kleinen Automobilisten, unerfüllter Wunsch vieler Jungs und Mädchen, die Mitte der 50er Jahre am liebsten in jedes Schaufenster geklettert wären, in dem man den Schlitten feilbot. Ein Tretauto de luxe - seit gestern in einer Sonderausstellung des Deutschen Technikmuseums zu bewundern: "Bewegte Kindheit - Tretautomobile für kleine Leute."

Das ist vielleicht die einzige Schwäche des "BMW 50L". Man muss ihn mit Muskelkraft fortbewegen. Doch gerät er erstmal in Schwung, hält ihn Trägheit in Fahrt. "Ein unglaublich massives Ding", sagt Andreas Curtius, "wir konnten ihn zu zweit kaum hochheben". Die beiden Männer, die es mit Hauruck schließlich schafften, sind der Bibliothekschef des Museums Curtius und Sammlungsleiter Bernhard Sasse. Beide Mitvierziger, die in ihren jungen Jahren ein rollendes Statussymbol vergeblich begehrten. Doch nun, pünktlich zum Advent, haben sie sich selbst und anderen kleinen und großen Berlinern den Traum erfüllt. Sie sichteten die Sammlung des Museums mit mobilem Kinderspielzeug, suchten dreißig Tretautos der vergangenen hundert Jahre heraus und präsentieren diese beeindruckende Flotte in ihrer Ausstellung.

Und natürlich durchforsteten sie auch die spärliche Fachliteratur. Quizfrage: Wann, bitte sehr, fuhr das erste Tretautomobil? Es startete 1902 im Kaufhaus "Bon Marché" in Paris und war ein hölzerner Landauer mit Hupe, Kurbel, Außenhandbremse und Laterne. Danach boten etliche Firmen in Europa und den USA schicke Tretmobile an, meist handgefertigte Stücke und zur Kaiserzeit sündhaft teuer. Der Monatsverdienst eines Arbeiters wäre für ein solches Spielzeug draufgegangen. Vermutlich parkten es nur Reiche unterm Weihnachtsbaum.

Damals, in den Kindertagen des Tretmobils, fixierten sich die Konstrukteure auf keinen Firmentyp; sie wollten ein Idealauto nachbilden. Anfang der 20er Jahre, als die Avus als erste Autorennstrecke Deutschlands Schlagzeilen machte, waren die schnellen Flitzer mit dem spitzen Heck plötzlich die Renner. Erst in den 30er Jahren brachte man dann schon Kindern die Treue zur Automarke nahe. Seither stellen alle großen Unternehmen ihre Typen auch für den Nachwuchs her - vom Jaguar, Baujahr 1932, über den Ford Taunus (1960) bis zum VW Beetle. Detailverliebt, bewegt über Handhebel oder Pedale und mit raffinierter Tret-Technik. "An dem Differential der Hinterachse", so eine alte Beschreibung, "lenken Zughebel die Bewegung auf ein Freilaufzahnradsegment in eine Drehung um."

Das war doch was. Beide Geschlechter wußten es gleichermaßen zu schätzen. Hunderte alte Tretauto-Fotos aus Archiven haben die Ausstellungsmacher durchgesehen bis in die 50er Jahre, als man auf Plastiklimousinen abfuhr. Doch ihre Erwartung, nur Jungs am Lenkrad zu finden, täuschte. Es traten auch viele Mädchen in die Pedalen mit einem Unterschied: Sie lachen, die Jungmänner schauen beim Fahren ernst drein.

Ist das bis heute so? Man kann es beobachten auf Deutschlands erstem "Tretodrom" im Museum. Gut bestückt mit modernen Tretmobilen. Hier dürfen Kinder die Ausstellung er-fahren und Erwachsen leider nur auf Strohballen sitzen und neidisch zugucken.Die Ausstellung ist bis zum 24. April 2000 im Deutschen Technikmuseum am Gleisdreieck Dienstag bis Freitag, 9 bis 17.30 Uhr, und am Wochenende von 10 bis 18 Uhr zu sehen.

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