Berlin : Das Deutschlandquiz

In 100 Fragen zur Einbürgerung: Abiturienten aus Schöneberg haben den Test schon mal gemacht

Thomas Loy

Die Probanden heißen Jakob (20), Yann (18), David (18), Ronja (19), Samira (19) und Hans (18). Sie sind Schüler der Sophie-Scholl-Oberschule in Schöneberg, sozialisiert in Deutschland, unterrichtet unter anderem in Politischer Weltkunde. Bei ihnen geht es nicht um die Einbürgerung, sondern ums Abitur. Aber die Tests, die den Weg in die Zukunft verstellen, sind eigentlich immer die gleichen: Ein Haufen Fragen, und bei jeder zweiten kommen Zweifel auf: Wozu muss ich das wissen?

Das hessische Innenministerium hat einen Katalog von 100 Fragen zur Erlangung der deutschen Staatsbürgerschaft vorgestellt (Dokumentation im Tagesspiegel vom 16. März). Der Tagesspiegel hat deshalb einen ersten Test dieses Tests gemacht.

Frage 1 nach Einwohnerzahl Deutschlands und Frage 2 nach drei Flüssen, die sich durch Germanien schlängeln, werden von den Probanden korrekt und schnell beantwortet. Bei Aufgabe 3 – „Nennen Sie drei deutsche Mittelgebirge!“ – gerät das Rateteam erstmals ins Schlingern: „Harz“, „Alpen“, „Brocken“ – „da unten bei Tschechien, wie heißt das noch?“ Nach einigen Fehlversuchen einigt man sich auf Harz, Thüringer Wald und Schwarzwald.

Fragen 4 bis 8 laufen problemlos, Frage 9 nach der „Reformation“ holpert etwas, Frage 10 – „Welche Versammlung tagte 1848 in der Frankfurter Paulskirche?“ – hinterlässt Ratlosigkeit. Das Team fragt zurück: „Wie viele Fragen braucht man nicht zu wissen?“

Ausgerechnet bei Aufgabe 18 wieder ein Patzer. Den 20. Juli 1944 können die Abiturienten nicht zuordnen, nicht mal Hans, der sonst sehr beschlagen ist. Lehrer Horst Pöhl erinnert sich an die Gedenktage zum 20. Juli, die es zu seiner Zeit an den Schulen noch gab. Hätte man vielleicht beibehalten sollen.

Die nächsten Fragen werden prompt beantwortet, sogar die nach dem Bundeskanzler, der den Friedensnobelpreis bekam: Willy Brandt. Und nach Artikel 1 der Verfassung: Die Würde des Menschen ist unantastbar. Bei den vier Grundrechten, die zu nennen sind, fällt Yann als erstes „Essen“ ein. Das kann man um 2 Uhr nachmittags gut verstehen.

Gewaltenteilung, Parteien, Verfassungsorgane, Legislaturperiode – das politische System ist den Schülern vertraut, nur bei Frage 60 müssen sie passen. Den „Petitionsausschuss“ nicht zu kennen, ist aber sicherlich kein Makel. Auch nicht, die „Amtsbezeichnung der Regierungschefs der meisten Bundesländer“ nicht gleich parat zu haben.

Die Bedeutung des Wortes „Rechtsstaat“ ist den Abiturienten nicht geläufig, dafür kennen sie das „höchste deutsche Gericht“. Bei Frage 74 nach den „Elementen der sozialen Sicherung“ kommt wie aus der Pistole geschossen: „Hartz IV“

Goethe und Schiller dürfen bei einem deutschen Staatsbürgertest nicht fehlen. „Nennen Sie jeweils ein Werk.“ Kein Problem: „Faust“, „Die Räuber“. Die Mädchen kennen auch einen deutschen Literaturnobelpreisträger: Thomas Mann. Bei der Frage nach einer bedeutenden, regelmäßigen Kunstausstellung in Kassel müssen sie allerdings passen.

Der Test ähnelt jetzt stark dem Schema aus „Wer wird Millionär“. Pioniere des Automobilbaus und der medizinischen Diagnostik sind gefragt. Gutenberg wird bemüht. Bei Frage 96 strauchelt das Rateteam: „Was gelang dem deutschen Wissenschaftler Otto Hahn erstmals 1938?“ Grübelgrübel. „Hatten wir noch nicht.“ Lehrer Pöhl widerspricht: Kernspaltung war schon mal in der 10. Klasse dran.

Die Auswertung: Von 100 Fragen wurden rund 90 ganz oder überwiegend richtig beantwortet. Würde das ausreichen, um ein guter Deutscher zu werden? Die Schüler finden den Test zu schwer, um davon eine Einbürgerung abhängig zu machen. Wenn die gleichen Fragen zu einem anderen Land gekommen wären, meint Hans, hätten sie keine Chance gehabt.

0 Kommentare

Neuester Kommentar