Berlin : Das Dorf in der Stadt

Daniela Martens

Wedding ist seit zwei Jahren unabhängig. Eine eigene Stadt. Nicht mehr ungeliebtes Anhängsel von Mitte und Tiergarten. Ende September wird hier ein Regierender Bürgermeister gewählt – allerdings nur im „Wahlkrampf“. So heißt die 44. Folge der Stadtteil-Seifenoper im Prime Time Theater „Gutes Wedding, Schlechtes Wedding“ – GWSW für die Fans.

Die Serie inklusive Unabhängigkeitsszenario haben sich Constanze Behrends Tautorat und ihr Mann Oliver ausgedacht. Die beiden betreiben das Theater seit knapp drei Jahren, nach dem zweiten Umzug nun seit März an der Müllerstraße im ersten Stock eines etwas schäbigen Hauses. Alle drei Wochen gibt es eine neue Folge der Bühnen-Sitcom. Immer ein wenig überspitzt geht es dabei um das Leben im Stadtteil. Das ist beiden Schauspielern wichtig. Sie sind mit Leib und Seele Weddinger – wenn auch noch nicht lange. „Als ich vor vier Jahren nach Berlin kam, wusste ich sofort: Wedding hat die richtige Mischung“, sagt der 33-jährige Oliver Tautorat. Franken, Türken, Schwaben, Araber, Urberliner.

„Die Leute hier sind wunderbar direkt“, sagt Tautorat. „Und ehrlich und schnodderig“, fügt seine 25-jährige Frau hinzu. „Hier hat die echte Berliner Schnauze überlebt – gerade bei den jungen Türken, die verwenden nur ein paar Zischlaute mehr.“ Mulmig wird es der Blondine nie in ihrem Viertel, auch nicht im berüchtigten Soldiner Problem-Kiez. „Ich werde hier selten blöd angequatscht.“ Und Tautorat meint: „Ich will in einem Kiez leben, der Fragen aufwirft.“ Die beiden packen mit an, organisieren Workshops für Jugendliche aus dem sozialen Brennpunkt. Es gebe zu wenige wirklich sinnvolle Projekte, die Jugendlichen eine Perspektive bieten, sagen die Theaterleute.

Auf dem Weg vom Theater zu ihrem Lieblingscafé kommen die zwei am Büro der Quartiersmanager vorbei. Die hätten bei den Jugendprojekten finanziell geholfen und seien auch sonst unverzichtbar im Kiez. Um so erschreckender findet es Tautorat, dass sie nur noch bis 2008 tätig sein werden. Er klopft grüßend an die Scheibe. „Wedding ist wie ein Dorf in der Großstadt“, sagt er. „Die Leute haben ein Urvertrauen zueinander.“ Unabhängig ist das Dorf auch – fast. Wie viele Weddinger fahren die beiden nur im Notfall nach Mitte. „Mitte ist schitte“, hat Constanze Behrends-Tautorat für die Serie gedichtet. „Es ist kulturell übersättigt und hat keine Parkplätze“, sagt sie. „Die Mitteschnitten könnten einiges von uns Weddingern lernen.“ Entspannter sein zum Beispiel.

Manchmal geht das Paar in Tiergarten einkaufen. „Aber eigentlich gibt es hier in Wedding alles, was wir brauchen“. Alles – außer einem Standesamt. Vor zwei Wochen haben die beiden geheiratet. Und mussten eine Standesbeamtin aus Mitte überreden, nach Wedding zu kommen. „Dabei gibt es doch keinen besseren Ort um zu Heiraten.“ „Wedding“ heißt auf Englisch schließlich Hochzeit. Aus dem Namen müsste der Stadtteil Kapital schlagen, meint die Schauspielerin. Sie schlägt eine Marketing-Kampagne zum Hochzeitstourismus vor, Motto: Wedding in Wedding. „Die Leute kämen aus der ganzen Welt. Und über Mitte würde keiner mehr reden.“

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