• Das eigene Leben in Leinen - eine Berliner Publizistin schreibt das Leben ihrer Kunden auf und macht Bücher daraus

Berlin : Das eigene Leben in Leinen - eine Berliner Publizistin schreibt das Leben ihrer Kunden auf und macht Bücher daraus

Josefine Janert

Am Anfang war Lady Di. Oder vielmehr die zahllosen Biografien über die Prinzessin. Nachdem die berühmte Britin vor zweieinhalb Jahren bei einem Autounfall starb, stapelten sich in den Geschäften die Bücher: Bildbände über Diana, Zeitzeugenberichte, Interviews. Doch warum soll nur der Alltag der Reichen und Schönen aufregend sein? Dachte sich eine Tankstellen-Pächterin und bat eine Berliner Publizistin, einen Roman über ihren eigenen Vater zu schreiben - als Geschenk zu dessen 65. Geburtstag. So kam Katrin Rohnstock auf die Idee, das Leben der kleinen Leute zu protokollieren, nach ihren eigenen Erinnerungen, gegen Honorar versteht sich. Das Buch über den Vater der Tankstellen-Pächterin hat sie zwar nie in Angriff genommen. Dafür aber einige andere.

Heute sitzt Katrin Rohnstock in ihrem Büro in Prenzlauer Berg vor zwei schmalen Bänden mit Leinenumschlag. Der eine heißt einfach "Mein Leben": Ein 86-Jähriger hat das Buch seiner Enkelin zuliebe schreiben lassen. Der zweite trägt den Titel "Geschichten von einer, die der Esel im Galopp verlor". Er handelt von einer Berlinerin, die in den zwanziger Jahren von ihrer Mutter ausgesetzt und dann nach einem Aufenthalt im Waisenhaus von einer wildfremden Frau großgezogen wurde. Nicht allein aus reiner Menschenliebe, sondern vor allem, weil es für den Unterhalt des Pflegekinds einen vierteljährlichen Zuschuss von 63 Mark 50 gab, den die bitterarme Familie dringend benötigte. Beide Bücher enthalten Fotos der "Romanhelden". Sie sind in der Ich-Form nach Tonband-Protokollen verfasst.

Eigenwillige Wahrheiten

Katrin Rohnstock hört ihren Kunden oft vier bis fünf Stunden hintereinander zu. In der Darstellung folgt sie der privaten, manchmal recht eigenwilligen Wahrheit der Erzählenden. Es geht ihr nicht darum, ein Urteil über fremde Schicksale zu fällen. "Ich finde, dass jedes gelebte Leben ein Erfolg ist", sagt die 1960 geborene Publizistin diplomatisch. "Ich sehe niemanden als Verlierer. Solche Maßstäbe habe ich überhaupt nicht."

Katrin Rohnstock begann ihr Projekt vor ein paar Monaten mit Anzeigen in einer Zeitung. Mittlerweile hat sie mit rund 50 Interessenten telefoniert, zwei Bücher fertig und fünf weitere in Arbeit. Mal füllen die privaten Erinnerungen ihrer Kunden 50, mal 200 Seiten. Mal erzählen die Leute ihr gesamtes Leben, mal nur spannende Episoden aus der Jugend.

Die meisten Gesprächspartner wurden zwischen 1915 und 1935 geboren, sind also von Kriegs- und Nachkriegszeit intensiv geprägt. Bomben, Hungerjahre und Flucht haben sich ihnen unauslöschlich ins Gedächtnis eingebrannt. Wenn sie über diese Zeit reden, fallen ihnen oft erstaunlich viele Details ein. "Das hängt mit der enormen psychischen Belastung zusammen", glaubt Katrin Rohnstock. Außerdem geht es wohl vielen älteren Menschen so, dass die Erinnerungen immer blasser werden, je kürzer das Geschehene zurückliegt.

Die Geschichten-Erzählerin hat den Alltag schon vor Jahren als ihr liebstes Sujet entdeckt. Bereits als Kind lauschte Rohnstock begeistert den Berichten ihrer Großmutter, beschäftigte sich auch während ihres Germanistik-Studiums in Jena bevorzugt mit Autobiografien. Im Verlag Elefanten Press gab sie die Reihe "Ost-Westlicher Diwan" heraus, für die Autoren aus beiden Teilen Deutschlands über Väter, Partnerschaften und andere Life-Style-Themen schrieben. Life-Style, dieses Wort passt überhaupt nicht zu Katrin Rohnstock.

Sie ist eine, die Wahrheiten jenseits der schnelllebigen und oft einseitigen Wirklichkeit der Hochglanzmagazine und Talkshows finden will. Und auch findet. Die Flut der bereits veröffentlichten Tagebücher und Dokumentationen über die Nachkriegsjahre reicht beispielsweise nicht aus, damit Zeitzeugen sich darin persönlich wiederfinden. Ihr eigenes Buch zu haben, bedeutet für sie: "Ich habe nicht umsonst gelebt. Ich gebe meine eigenen Erfahrungen weiter", sagt Katrin Rohnstock. "Schön in Leinen gebunden, werden sie die Zeiten überdauern."

Auflage: eine Handvoll Exemplare

Meist werden von einer Biografie nur eine Handvoll Exemplare gedruckt. Die Kunden verteilen sie dann im Familien- und Freundeskreis und stellen sie stolz in den eigenen Wohnzimmerschrank. Inklusive Herstellungskosten nimmt Katrin Rohnstock für ihre Arbeit Honorare ab 4000 Mark. Die Bände sind keinesfalls vorrangig dafür gedacht, in Bibliotheken zu landen oder in Buchhandlungen verkauft zu werden. Auf dem Leinenumschlag taucht nicht einmal Rohnstocks Name auf. Er bleibt allein dem selbst gewählten Titel und dem Namen des "Romanhelden" vorbehalten.

Manche Kunden sehen das Werk als Sprungbrett. Sie hoffen, später einen großen Verlag für die Veröffentlichung ihrer Erinnerungen zu finden. Einige haben schon selbst Notizen gemacht, die Katrin Rohnstock dann redigiert und in ihre Endfassung einbezieht. Sie ist fest überzeugt von der Relevanz ihrer Arbeit: "In diesen Alltagsgeschichten steckt mehr Wahrheit als in den verallgemeinerten Weisheiten, die sonst so herausposaunt werden."Informationen über Katrin Rohnstocks Arbeit gibt es unter der Telefonnummer 42 85 22 55.

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