Berlin : Das eine und das andere Berlin (Leitartikel)

Hermann Rudolph

Es gibt nur ein Berlin, lautet die tiefe Überzeugung des Berliners. Denkste! Inzwischen sind es wenigstens zwei. Das eine Berlin ist das, das wir hinlänglich kennen - der Regierende Bürgermeister, gerade vor sechzehn Jahren zum ersten Mal ernannt, die Streckenführung der Love Parade, die ewige Sorge um Hertha. Das andere ist das Berlin, das die Nachrichten beherrscht - Regierung, Parlamentsbetrieb, Parteienaffären, kurz: das Synonym für Politik in der Bundesrepublik. Die rasche Verdoppelung der Stadt lässt sich auch in eine Frage fassen. Die wird zwar kaum öffentlich diskutiert, aber ein rundes halbes Jahr nach dem Umzug steht sie längst auf der Tagesordnung: Wie hält es Berlin mit der Hauptstadt, die es nun geworden ist? Und wie die Bundesrepublik mit der Hauptstadt, die sie bekommen hat?

Es ist kein Geheimnis, dass sich die beiden Berlins noch ziemlich fremd sind. Sie haben ja auch noch nicht sehr viel gemeinsam - außer der Stadt, etlichem Hauptstadt-Enthusiasmus, allfälligen Klagen, auch schon mal der wechselseitigen Verschnupfung. Na, vielleicht noch die "Events", die der Stadt die Sehnsucht der Deutschen bescheren, endlich einen Platz für etwas metropolenhaftem High-life zu haben. Was die beiden Städte in der Stadt sonst noch verbindet, sind Aufgaben und Absichten, Vereinbarungen und dito Kuratorien, ein Hauptstadtvertrag, eine Finanzierungvereinbarung, dazu ein gemeinsamer Ausschuss, der seit langem nicht mehr getagt hat. Ach ja, und Senat und Bundesregierung haben vor kurzem gemeinsam getagt. Aber das hat erst recht verdeutlicht, wie weit der Weg noch ist, bis aus den beiden Berlins die deutsche Hauptstadt wird.

Natürlich geht es ums Geld. Einerseits sieht sich die Stadt, die ein Land ist - notabene: ein ziemlich kleines, armes -, von den Kosten überfordert, die ihr die Hauptstadt-Funktion auferlegt. Andererseits stellt sich der Bund - abgesehen von den angehobenen Kulturzuschüssen - auf diesem Ohr ziemlich taub. Ungerührt verweist er auf die höheren Steuereinnahmen, die die neue Rolle der Stadt verschaffen werde. Doch von denen ist weit und breit nichts zu sehen. Die Länder finden ohnedies, die Bundeshauptstadt sei Sache des Bundes und wachen eifersüchtig über ihre Anteile am Finanzkuchen. Kurz: Beim Geld hört nicht nur - wie es die alte Weisheit weiss - die Gemütlichkeit auf, sondern auch die Akzeptanz der Hauptstadt.

Die Klagen sind nicht neu, aber sie sind berechtigt. Hauptstadt werden war schon schwer, so kann man in Berlin ulken, Hauptstadt sein ist, wie sich erweist, nicht komfortabler. Jedenfalls hat sich die Erwartung bis jetzt nicht erfüllt, das Verhältnis des Bundes zu seiner Hauptstadt, das ja in der Zeit der Vorbereitung des Umzugs nicht gerade problemlos war, werde sich verbessern, wenn der Bund hier seine Zelte aufgeschlagen hat. Auch die Berliner im Kabinett ändern daran leider nichts. Doch auf Grundlage der alten Vereinbarungen kann die Hauptstadt nicht auf die Beine kommen. Eine neue ist noch nicht in Sicht, aber dringend notwendig.

Aber es geht beim Verhältnis der beiden Berlins nicht nur ums Geld. Was ist denn die Stadt für die Deutschen? Wirklich Hauptstadt in dem Sinne, dass sie für die Bundesrepublik eine irgendwie repräsentative, gar identitätsstiftende Rolle spielt? Oder ist sie nur - wie früher Bonn - der Sitz von wichtigen Behörden, und damit eigentlich gut bedient? Für die meisten ist Berlin in der Tat die Fortsetzung von Bonn mit anderen Mitteln und Massen. Und dann gibt es auch noch diejenigen, für die Berlin die Stadt geblieben ist, die immer nur nach mehr schreit. Man sollte nicht verschweigen, dass solche Ressentiments von manchen Berlinern kongenial mit der Überzeugung beantwortet werden, die Hauptstadt sei ein Tribut, den die Republik der Stadt gefälligst zu erbringen habe.

Dass Berlin gegenwärtig zwiefach in Erscheinung tritt, verweist darauf, dass Hauptstadt für die Deutschen noch ein gewöhnungsbedürftiger Zustand ist. Nur im Kultur-Bereich zeichnet sich schon die Einsicht ab, dass es mit den alten Mustern nicht mehr geht. Aber vielleicht ist es einfach so, dass die neuen Berliner - bei aller bekundeten Sympathie für die Stadt - in der Hauptstadt noch nicht wirklich angekommen sind. Viele Berliner übrigens auch nicht.

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