Berlin : Das Eisbrecher-Abenteuer im Dresdner Bahnhof

Elisabeth Binder

Vielleicht sieht so das Theater der Zukunft aus: An ungewöhnlichen Orten spielen Nachtmenschen in bizarren Kulissen ihr eigenes Stück. Immer stärkere Reize braucht die virtuelle Generation, um sich lebendig zu fühlen. Was das betrifft, haben die Trend-Scouts vom Berlinale-Rahmenprogramm ein schönes Stück Zukunft in die Gegenwart gezerrt.

Vor einigen Jahren entdeckte der Fotograf Sascha Kramer den Dresdner Bahnhof als Location, um Musiker zu portraitieren. So ein etwas morbides, roh gemauertes, hallenartiges Gebäude in Kreuzberg, das aber relativ nahe am Potsdamer Platz liegt. Dorthin begeben wir uns zu einer Eisbrecher-Party von Premiere World und dem Disovery Channel. Um warme Kleidung war gebeten. Über einen Gewerbehof geht es an Fackelträgern vorbei in den ersten Raum. Dunkles Gemäuer, darauf tanzende Schneeflocken aus Licht, Schlitten mit echten Schlittenhunden und polar kostümierte Menschen. Dann geht es durch ein Tor aus (schmelzendem) Eis in eine riesige Halle. Mehr Schneeflocken aus Licht, allerlei Eskimobedarf, auf weißfellbezogenen Podesten erheben sich Eisbären, vor denen später Menschen mit weißen Kapuzenoveralls tanzen. Riesige Eisblöcke fordern Kreative heraus, mit verschiedenen Werkzeugen Skulpturen zu formen. Vor dem Tor aus Eis wurde jedem Gast ein blauer Plastikleuchtstab in die Hand gedrückt, mit dem orientierte man sich durchs Halbdunkel. Oben an den dunklen Backsteinwänden durchbrechen goldene Lichtgirlanden mit polaren Szenen das Dämmerlicht. Auf langen Büfetts stapeln sich Sardinen, Lachsstücke und Brocken von Rentierfleisch, alles urig arrangiert, nicht elegant, mehr wie bei einem Eisberg-Picknick. Kühle Getränke an Gletscherständen, Fruchteisstücke vom Eisblock. Viele schöne Menschen Mitte Zwanzig, die Frauen mit langen Haaren, in die manche den Leuchtstab gesteckt haben.

Es gibt Fernsehschirme gegen die Einsamkeit unter vielen, später finden sich Cliquen zusammen und tanzen zur Musik einer albernen, aber recht umjubelten Country-Pop-Band namens Rednex. Später legt ein DJ auf, und Grace Jones hallt durch den Saal, der so endlos lang ist. Dabei könnte er noch viel länger sein, wenn nicht auf der anderen Seite bereits der Dschungel für die Beach-Party mit Leonardo DiCaprio aufgebaut würde. Die polare Pracht hat ein Mammut inspiriert, das vom Discovery Channel in Sibirien ausgegraben wurde. Zu Lebzeiten hätte es sich sicher gefürchtet vor den grünen Lichtgesichtern, die sich in die Eisblöcke malen.

Leicht vornübergebeugt wandern murmelnde Handyhalter wie Schattenmenschen durch den Raum. Zigarettenmädchen auf Inline-Skates mit cyberpinkfarbigem Lippenstift halten Jungs mit Metallbrillen die Filter an den Mund. Die Stadt wird zum Abenteuerspielplatz für alle, die sich allein unter vielen spielend wiederfinden wollen. Dafür spricht auch, dass Lindenstraßen-Mutter Beimer die Liste der eingeladenen VIPs anführte, obwohl sie, anders als Sissi Perlinger und Oliver Berben, nicht mal kam. Vielleicht ist all die hohe Kunst auf der Leinwand des Berlinale-Palastes auch ein Vorwand, die andere Seite des Intellekts auszuleben, die kindliche, dem Trivialen zugewandte. Und je wilder und vereinzelter gezappt und geklickt wird, desto größer der Wunsch, die Hauptrolle im eigenen Film zu spielen. In solchen Kulissen macht das wenigstens Spaß. Solange man sich warm anzieht.

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