Berlin : Das Ende der Betreuung

Was geschah wirklich in den Haasenburg-Heimen? Jetzt wird der Untersuchungsbericht veröffentlicht.

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Stillgelegt. Das Heim in Jessern ist schon nicht mehr in Betrieb. Foto: dpa
Stillgelegt. Das Heim in Jessern ist schon nicht mehr in Betrieb. Foto: dpaFoto: picture alliance / dpa

Potsdam - „Was sollen wir machen, wenn wir keine Jugendlichen mehr zu betreuen haben?“, fragt Hinrich Bernzen. „Da braucht man irgendwann auch keine Betreuer mehr.“ Bernzen ist Sprecher der Haasenburg GmbH, die im Frühjahr dieses Jahres in die Schlagzeilen geriet. Angeblich sollen Kinder und Jugendliche in drei geschlossenen Heimen, die von dem Unternehmen in Brandenburg betrieben werden, psychisch und physisch misshandelt worden sein.

Brandenburgs Jugendministerin Martina Münch (SPD) hatte im Sommer eine Untersuchungskommission eingesetzt, die vergangene Woche ihren Abschlussbericht vorlegte. Kurz darauf wurde bekannt, dass etwa 50 Mitarbeiter der Haasenburg entlassen wurden. Auch der langjährige Geschäftsführer Mario Bavar hat das Unternehmen verlassen. „Wir haben Herrn Bavar nicht entlassen, sondern uns einvernehmlich getrennt“, sagte Bernzen dem Tagesspiegel. „Er hat einen Aufhebungsvertrag unterschrieben.“ Zu den Motiven der Trennung wollte er sich nicht äußern, bestritt aber einen Zusammenhang mit dem Untersuchungsbericht, der  – so ein Ministeriumssprecher – in der kommenden Woche veröffentlicht werden soll. Es wird erwartet, dass Münch schnelle Konsequenzen zieht, falls sich die Vorwürfe bestätigen sollten.

Münch hatte bereits vorerst einen Belegungsstopp für das Haasenburg-Heim in Müncheberg im Landkreis Märkisch-Oderland verhängt, an dem sie weiter festhält. Die Einrichtung in Jessern (Dahme-Spreewald) war vom Betreiber selbst stillgelegt worden. Nur das Heim in Neuendorf (ebenfalls Dahme-Spreewald) durfte neue Bewohner aufnehmen, hier sind laut Bernzen noch etwa 50 Jugendliche untergebracht. Erst in der vergangenen Woche war von dort ein 17-jähriges Mädchen weggelaufen, nach dem jetzt vor allem in Berlin gefahndet wird. Bis zum gestrigen Sonntagabend fehlte laut Cottbuser Polizei von der Ausreißerin aber jede Spur.

Dass die Flucht mit dem Personalabbau in Verbindung steht, bestreitet der Haasenburg-Sprecher. „Wir haben einen festgelegten Schlüssel, wie viele Betreuer wir benötigen“, sagt er. „Wir können also gar nicht anders, als Mitarbeiter zu entlassen. 120 sind bisher betroffen. Das sind viele, und das ist bitter – besonders hier in dieser strukturschwachen Region.“

Natürlich stellten die Vorwürfe für alle Mitarbeiter eine große Belastung und Stigmatisierung dar, sagte Bernzen weiter. Die Haasenburg-Verantwortlichen hatten die angeblichen Misshandlungen stets bestritten und eine „von Hamburg aus initiierte Kampagne gegen geschlossene Einrichtungen für Kinder und Jugendliche“ vermutet. Die Haasenburg-Heime hatten Jugendliche aufgenommen, die straffällig geworden oder verhaltensauffällig waren und oft in anderen Einrichtungen nicht klarkamen. Die geschlossene Unterbringung von jungen Menschen, bei denen alle anderen erzieherischen Maßnahmen versagt haben, ist in der Branche umstritten, in die Haasenburg-Heime hatten aber fast alle Bundesländer ihre Jugendlichen geschickt.

Die Staatsanwaltschaft Cottbus ermittelt seit Monaten wegen der Vorwürfe, allerdings steht noch nicht fest, ob es zu einer Anklage kommt. „Wir haben inzwischen um die 70 Ermittlungsverfahren im Zusammenhang mit der Haasenburg laufen“, sagt Staatsanwältin Petra Hertwig. Allerdings richten die sich nicht nur gegen Erzieher und Betreiber. „Inzwischen gibt es auch Anzeigen von ehemaligen Insassen gegeneinander.“ Dabei handele es sich unter anderem um Körperverletzung oder sexuellen Missbrauch.

Gerüchte, wonach die Haasenburg ihre Heime jetzt an das Evangelische Jugend- und Fürsorgewerk (EJF) verkauft, stimmen offenbar nicht. „Wir sind weder gefragt worden, noch haben wir gefragt“, sagte Sprecherin Julie von Stülpnagel dem Tagesspiegel. Sandra Dassler

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