Berlin : Das Ende der Großfamilie

Sie wollten immer zurück – spätestens als Rentner. Aber dann wurden sie gebrechlich und blieben in Deutschland – auch wegen der medizinischen Versorgung. Sorgloses Altern im Kreise der Kinder ist auch bei Türken eine Legende. Von Nachkommen werden die wenigsten versorgt. Das übernehmen meist Pflegedienste

Sandra Dassler

Manchmal kleckert Ayse absichtlich. Dabei hat die 51-Jährige nach ihrem Schlaganfall inzwischen wieder ohne fremde Hilfe essen gelernt. Wenn sie jetzt den Tee verschüttet oder etwas Kuchen auf den Teppich plumpsen lässt, weiß ihre Pflegerin, dass Ayse nur das Abschiednehmen hinauszögern will. Die Pflegerin lässt sich dann ein wenig mehr Zeit, um Tee oder Kuchen aufzuwischen, und sie streichelt ihrer Patientin noch einmal liebevoll die Wange, bevor sie geht. Seit Ayse zwei Kanarienvögel hat, ist sie nicht mehr ganz so einsam in der Wohnung. Und der Fernseher läuft ohnehin den ganzen Tag.

Der Schlag traf Ayse an ihrem Fischstand auf dem Markt. Er konnte sie gar nicht verfehlen, sie arbeitete dort seit Jahren. Ihre Sprache beschränkt sich seither auf gurrende Laute, aber die Pfleger verstehen sie. Ein Foto in ihrem Wohnzimmerschrank zeigt eine strahlend schöne Frau mit zwei bildhübschen Kindern: Die Tochter lebt heute in der Türkei. Der Sohn wohnt in Berlin. Jeden Sonntag kommt er zu Besuch. Anfangs hatten er und seine Frau versucht, Ayse zu Hause zu pflegen. Sie schafften es nicht.

„Viele Angehörige sind mit der Pflege ihrer kranken Eltern oder Großeltern überfordert“, sagt Ayten Aslan-Cakar. Die 37-Jährige hat vor zwei Jahren den türkischen Pro-Vital-Pflegedienst in Neukölln gegründet und in dieser Zeit mehr als 90 ältere, behinderte oder kranke Menschen betreut. „Es ist ein Klischee, dass alle Türken in der Großfamilie alt werden“, sagt sie. „Viele türkische Familien hier haben die gleichen Probleme wie ihre deutschen Landsleute: Oft arbeiten Mann und Frau, weil das Geld gebraucht wird, die Kinder sind zu betreuen, die Wohnungen nicht groß genug für mehrere Generationen. Ganz zu schweigen von den physischen und psychischen Anstrengungen, die mit der Pflege alter Menschen verbunden sind.“

Ayse bekommt viermal am Tag Besuch vom Pflegedienst Pro-Vital. Sie wird gewaschen, gekämmt und, wenn es sein muss, auch gewindelt. Die Pflegerinnen kochen und gehen mit ihr spazieren. Sie zupfen ihr auch die Augenbrauen oder lackieren die Fingernägel. Ayse möchte gern hübsch aussehen.

Seelische Zuwendung sei sehr wichtig, sagt Ayten Aslan-Cakar, die alle ihre Patienten persönlich kennt, obwohl sie inzwischen neun Pflegekräfte eingestellt hat: „Ayse zum Beispiel liebt Tanz. Sie scherzt gern und mag Körperkontakt.“ Das ist nicht bei allen Patienten von Pro-Vital so. Manche haben Probleme, sich von Fremden berühren zu lassen. Und viele Frauen dulden aus religiöser Überzeugung keine männlichen Pfleger. Das war einer der Gründe, warum Ayten Aslan-Cakar auf die Idee kam, einen türkischen Pflegedienst zu gründen: „Als ich als Krankenschwester arbeitete, habe ich die Scham und Not dieser Menschen in den deutschen Krankenhäusern gesehen, aber auch die vielen Missverständnisse bemerkt, die sich allein aus mangelnder Sprachkenntnis ergaben.“

Die Sprache sei der Hauptgrund, warum sich ihre Patienten bei einem türkischen Pflegedienst besser aufgehoben fühlten. Ist der doch auch bereit, auf bestimmte kulturelle Besonderheiten einzugehen. Im Fastenmonat Ramadan beispielsweise passen die Pro-Vital-Mitarbeiter ihre Arbeitszeiten den Traditionen an. Sie kochen erst am Abend, weil gläubige Muslime nur nach Sonnenuntergang essen dürfen. Sie verabreichen Insulinspritzen entsprechend der geänderten Essenszeiten. Und sie warten mit der Körperpflege bis nach den Gebeten. Während dieser Zeit wollen die von ihnen Betreuten nämlich auf keinen Fall berührt werden. Und manchmal werden Ayten Aslan-Cakar und ihre Mitarbeiter auch mit überzogenen Forderungen von Patienten oder deren Angehörigen konfrontiert. „Waschen Sie Teppiche und Gardinen“, sagen sie. Die Erklärung ist einfach: In der Türkei gebe es keinen Pflegedienst wie in Deutschland, sagt Ayten. Familien könnten alte Menschen nur in Heimen oder privat pflegen lassen – Letzteres beinhalte dann auch Hausarbeiten.

Fatma kann zum Glück noch vieles selbst erledigen. Die Zwei-Zimmer-Wohnung, die sie mit ihrem Mann bewohnt, ist tipptopp. 1968 ist Fatma nach Berlin gekommen und hat, wie viele türkische Frauen, in einer Konservenfabrik gearbeitet. Ihr Mann Sökay ist ihr einige Jahre später mit den Kindern gefolgt. Alle fünf Nachkommen sind in Berlin groß geworden, alle fünf sind geblieben. Und alle leben ihr eigenes Leben, sagt die Mutter. Es klingt entschuldigend, nicht anklagend. Das Sprichwort, wonach eine Mutter zehn Kinder ernähren kann, aber zehn Kinder keine Mutter, kenne man auch in der Türkei. Aber ehrlich, Fatma möchte ihre gesundheitlichen Probleme keinem der Kinder zumuten. Pfleger hätten da eine gesunde Distanz, meint sie.

Eigentlich hatten sich Fatma und Sökay vorgenommen, in ihre Heimat zurückzukehren – spätestens als Rentner. Doch dann kamen die Krankheiten und die Angst vor der – im Vergleich zu Deutschland – schlechteren medizinischen Versorgung in der Heimat. Wie viele türkische Einwanderer der ersten Generation werden sie nun doch in Deutschland sterben. Das stimmt Sökay oft traurig. Vor seinem Schlaganfall flog er oft in seine Heimatstadt Antakya. Jetzt, als vom Sozialamt bezahlter Pflegefall, ist das problematisch. Ein Türkei-Aufenthalt gilt als Urlaub. Und das Amt ist der Meinung, wenn jemand Geld für Urlaub hat, dann kann er auch die Pflege selbst bezahlen.

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