Berlin : Das Ende der Hakennase

Die Maueröffnung hat die Halbwertzeit der Berliner Stadtpläne stark verkürzt

Andreas Conrad

Das Leben eines Stadtplans währet zehn, wenn es hoch kommt, fünfzehn Jahr. So war das jedenfalls im Berlin der Mauerzeit. Veränderungen im Stadtbild hatte es auch da hin und wieder gegeben, aber waren sie wirklich so einschneidend, dass man gleich einen neuen Stadtplan kaufen musste? Nur das Temperament des Nutzers, die Häufigkeit seines Blätterns und die Papierqualität setzten solch einer Karte das Lebensmaß. Und selbst wenn sie in ihre Bestandteile zerfiel – ein paar Streifen Tesafilm, und sie war wie neu.

Doch nichts ist, wie es war. Das im Psalm Davids auf 70 bis 80 Jahre bemessene Menschenleben dauert immer länger, das eines Berliner Stadtplans dagegen immer kürzer. Das bereitet den Kartenverlagen viel Arbeit, aber auch viel Freude. Schließlich zwingt das Sinken der Halbwertzeit ihrer Produkte zu weitaus häufigerem Erwerb. Nehmen wir einen Neuberliner (West) des Jahres 1983. Sofort nach der Ankunft kaufte er einen Stadtplan, der selbstverständlich beide Hälften der Stadt abbildete – die östliche vielleicht nicht bis in den letzten Plattenbauwinkel. Die Mauer war nach Osten hin relativ durchlässig, und der Besucher aus dem Westen sollte drüben ja nicht wie auf einem fremden Planeten stranden. Umgekehrt sah die Situation schon anders aus: Der eingemauerte Westen war auf den Ost-Stadtplänen einfach ausradiert. Nur eine weiße Fläche ließ erahnen, dass jenseits der Mauerkrone noch was war.

Dieser scheinbar für die Ewigkeit zementierte Status quo begann sich mit dem Gebietsaustausch 1988 langsam aufzulösen: Die Hakennase des Spandauer Eiskellers wurde begradigt, und für die Spontanvegetation des Lenné-Dreiecks hatte mit der Zaunverschiebung das letzte Stündlein geschlagen. Wer sich freilich jetzt schon einen neuen Stadtplan kaufte, dürfte sich nach dem 9. November 1989 geärgert haben. Seither ist die Stadt völlig umgekrempelt worden. Das plötzlich missliebige Alte wurde sogar namentlich aus dem Stadtbild entfernt und ersetzt. Wo war noch mal gleich die Leninallee?

Für Kartenverlage bedeutet dies eine permanente Herausforderung. Früher habe man bei Neuauflagen einen Vorrat für zwei Jahre gedruckt, jetzt bemisst man auf ein Dreivierteljahr, berichtet Volkmar Mair von Mairs Geographischem Verlag in Ostfildern bei Stuttgart. Zu seinem Kartenimperium gehört auch der den Markt dominierende Falk-Verlag. Die Stadtkarten zu Berlin, darunter der populäre Falkplan mit hauseigener Faltung, ein weiterer mit Standardfaltung, ein Stadtatlas und ein Cityplan, sind die Renner des Hauses. Die gängigste Version hat eine Jahresauflage von 500 000. Natürlich ging es nach der Wende in Berlin kartographisch besonders wild zu. Die Lage normalisiere sich jetzt, berichtet Mair. Informationen bekommt der Falk-Verlag besonders über die Behörden.

Da geht der Berliner Pharus-Verlag ganz anders vor. Auf dessen Stadtpläne stieß man früher auf Schritt und Tritt, in den Zwanzigern hingen sie in allen U- und S-Bahnhöfen aus. Heute geht es, was die Auflagen betrifft, bescheidener, doch nicht weniger anspruchsvoll zu. Pharus versucht Nischen zu besetzen, bietet beispielsweise Karten von einzelnen Bezirken an, vertraut bei den Änderungen weniger auf die Behörden als auf Ortskundige. Die Heimatvereine seien sehr an einer Zusammenarbeit interessiert, weiß Inhaber Rolf Bernstengel zu berichten. Und für die Aktualisierung des großen Innenstadtplans erlaufen derzeit Mitglieder des Vereins FUSS die City. Stadtpläne richteten sich in der Regel an Autofahrer, sagt Bernstengel, Pharus wolle nun aber auch das nur den Fußgängern vorbehaltene Wegenetz durch Parks, Wohnanlagen oder an der Spree entlang zeigen.

Für seine Pläne bevorzugt Pharus den Maßstab 1 : 16 000. Er erlaubt größeren Detailreichtum als der Falkplan, dessen Maßstab, je nach Kartenausschnitt, zwischen 1 : 27 000 und 1 : 37 000 liegt, der aber das ganze Stadtgebiet zeigt. Auch 1000 historische Karten hat der Verlag im Angebot, aus Berlin und dem ehemaligen Deutschen Reich. Die älteste Karte ist ein Berliner Plan von 1902. In diesem Jahr wurde Pharus gegründet.

Der heutigen Ausgabe liegt kein Plan mehr bei. Alle acht historischen Pläne zur Serie sind in der Tagesspiegel-Geschäftsstelle, Potsdamer Straße 81-83 in Tiergarten, zu kaufen, in Kunstdruckqualität und ungefaltet. Ein kleiner Plan (A3) kostet 5 €, ein großer (A1) 8 €. Geöffnet Mo – Do 9 bis 18 Uhr, Fr 9 bis 16 Uhr (am 31.12. geschlossen). Info-Telefon (030) 26009-514.

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