Berlin : Das Ende ist vorbei

Die Berliner Symphoniker geben ihr erstes Konzert nach dem „definitiv letzten“. Zu Besuch bei der Probe

Thomas Loy

Es hat etwas Befreiendes, nach dem Ende einfach weiterzumachen. Es war ein genialer Schachzug, geistig-moralisch und überhaupt. „Das Ende ist vorbei“, sagt Karen Lang, die Geigerin, und bemüht sich, zuversichtlich aus ihren dunkel umrandeten Augen zu schauen. Am vorigen Montag, dem ersten Tag nach dem Ende, war sie ganz unten. Da traf sie einen Straßenzeitungs-Verkäufer, erzählte ihm, dass sie jetzt auch arbeitslos sei. Der Verkäufer nahm sie beiseite und versicherte ihr, dass die Sonne morgen trotzdem aufgehen werde.

Heute ist sie wieder aufgegangen, und die Berliner Symphoniker geben im ausverkauften Schauspielhaus ihr erstes Konzert nach dem „definitiv letzten“ vom vergangenen Sonntag. Der Insolvenzverwalter hatte zuvor leere Kassen gemeldet und alle Signale auf Rot gestellt. Irgendjemand machte nach dem letzten Konzert den Vorschlag, doch noch mal zu spielen, sagt Norbert Schröder vom Orchestervorstand. Ohne Gage. Alle waren einverstanden, denn sie hatten das Gefühl, dass man nicht aufhören kann, wenn das Publikum stehend applaudiert und einer auf die Bühne tritt, dem Senat Kulturkahlschlag vorwirft und spontan 1000 Euro spendet. Vielleicht ist ein Orchester viel größer und wichtiger als eine sparwütige Landesregierung. Vielleicht versetzt die Musik doch Berge.

Am Freitag ist Andreas Moritz, der Geschäftsführer der Orchester-GmbH, überraschend auf Dienstreise gefahren. Hat doch noch ein Großsponsor angebissen? Wenn bis Montag keiner gefunden ist, werde die Orchester-GmbH aufgelöst, lässt der Insolvenzverwalter mitteilen. Dann ist wieder endgültig Schluss.

Zum Proben kommen die Symphoniker im Musiksaal der Siemens-Villa in Lankwitz zusammen. Seit 1980 treffen sie sich hier. Unter goldenem Stuck, umreiht von Pilastern und Spiegeln, spielen sie diesmal Brahms, die Vierte Symphonie. Es wird viel gelacht. Einige umarmen sich zur Begrüßung. Es herrscht eine gelockerte, positive Stimmung. „Wie immer – sehr schön“, sagt Karen Lang, während sie ihren Geigenbogen reinigt. Seit 1977 ist die Amerikanerin bei den Symphonikern. Sie wollte die Welt kennen lernen und blieb in Berlin hängen. Sie schaut zur Seite, lächelt in sich hinein. Ein Schub Melancholie hat sie erwischt.

Karen Lang hat schon mal die Stellenanzeigen durchgesehen. Altenpflegerinnen werden gesucht, Musikpädagoginnen, „aber dafür bräuchte ich einen Abschluss. Soll ich mit 53 noch mal umschulen?“ Sie lacht, behilft sich mit Humor gegen den psychischen Stress. Auf ihren Unterarmen hat sich die Neurodermitis wieder breit gemacht.

Sie könne nicht loslassen von dem Orchester, sagt Brigitte Neuendorff, die auch Violine spielt. „Es ist mein Zuhause.“ Auch wenn es stark geschrumpft ist, personell und materiell sowieso. Eigentlich ist es nur noch ein dünner Strohhalm, an den sich alle klammern. Wenn Brigitte Neuendorff Hartz IV sagt, dann werden ihre blaugrünen Augen zu Stein. Soweit dürfe es nicht kommen. Ihr Leben werde ohne die Symphoniker zwar weitergehen, aber es werde ein Leben in Resignation sein. Mit 38 hat sie praktisch keine Chance mehr auf einen Wechsel in ein anderes Orchester. Neuendorff ist wütend auf den Senat, der die Subventionen für das Orchester gestrichen hat. Sie schreit ihre Wut nicht heraus. Erst wenn sie zu Ende gesprochen hat, löst sich die Spannung in einem tiefen Atemzug.

Ein Dutzend Orchestermitglieder ist bereits abgesprungen. Einige von den Solisten kamen in Ensemblen unter, andere Musiker suchten sich einen Bürojob, weil sie auf ein festes Gehalt angewiesen sind. Seit Januar bekommen die Symphoniker nur noch Geld für konkrete Auftritte. Die Lücken im ehemals 55-köpfigen Ensemble werden mit freien Musikern besetzt.

Der Orchesterwart, mit 27 Symphonikerjahren einer der Dienstältesten, möchte wie die meisten hier seinen Namen nicht in der Zeitung lesen. Er behilft sich mit Sarkasmus. „Bald wird es nur noch Handy-Orchester geben, die Instant-Kunst machen.“ Das Handy-Orchester wird per Telefonkette für jede Aufführung neu zusammengestellt. Unter Instant-Kunst ist so etwas wie musikalisches Fast-Food zu verstehen. Der Orchesterwart, übrigens auch aus den USA, weiß noch gar nicht, dass es für den Auftritt am heutigen Sonntag keine Gage gibt. Das bringt ihn doch ein wenig aus der Fassung.

Die Berliner Symphoniker spielen heute um 16 Uhr im Schauspielhaus am Gendarmenmarkt. Es erklingen Werke von Schumann, Brahms und Fauré. Die Vorstellung ist ausverkauft.

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