Berlin : Das enge Zeitkorsett der Fremdfirmen zählt zu den Gründen für die Verwahrlosung

Susanne Vieth-Entus

Der Zustand der Toiletten in vielen Berliner Schulen ist katastrophal, aber das ist allein mit den Sparmaßnahmen nicht zu erklären. Eine Tagesspiegel-Umfrage bei den Bezirksämtern - neben der Kontrolle durch den FU-Professor Hennig Rüden - ergab, dass die Sanitärräume wie eh und je täglich gereinigt werden. Oftmals sind sie aber derart sanierungsbedürftig, dass sie extrem schwer sauber zu halten sind. Hinzu kommt, dass den Reinigungskräften enge Zeitvorgaben gemacht werden: Sie müssen innerhalb weniger Stunden ein ganzes Schulhaus säubern. Zudem wechseln die Kräfte oft.

"Früher identifizierten sich die Putzfrauen mit den Schulen, bekamen Anerkennung, auch kleine Geschenke zu Weihnachten. Heute werden sie mit dem Firmenbus von Gebäude zu Gebäude gefahren, werden so gehetzt, dass sie es kaum schaffen, ihre Putzmittel wegzustellen", bedauert Elisabeth Willkomm, Vorsitzende des Landesschulbeirats.

Viele Schulen trauern heute ihren "festen Kräften" hinterher. Sie mussten weichen, weil die Bezirke die Gebäudereinigung auf Fremdkräfte übertrugen. Der hohe Krankenstand der Bezirksangestellten von bis zu 30 Prozent habe damals zu diesem Schritt geführt, erinnert sich Neuköllns Volksbildungsstadtrat Wolfgang Schimmang (SPD). Sein Charlottenburger Kollege Andreas Statzkowski (CDU) weiß von Erhebungen, wonach die Bezirke 45 Prozent der Reinigungskosten allein durch die Umstellung auf Fremdkräfte sparen konnten.

Die Reinigungsfirmen liefern sich einen erbitterten Kampf um die Aufträge. Viele Betriebe böten "Dumpingpreise", bemängelt Ursula Kabisch, Obermeisterin der Berliner Gebäudereinigerinnung. In besonders krassen Fällen seien Kündigungen ausgesprochen worden, bestätigen die Bezirke. Nicht immer führte dies allerdings zum gewünschten Ergebnis, bedauert Ingrid Weber, Leiterin der Witzleben-Grundschule. An ihrer Schule wechselte die Firma, doch die Probleme blieben: "Völlig verdreckt" seien Fußboden und Oberflächen der Klassenräume, ebenso die Heizkörper in der Turnhalle, Türen und Fenster", heißt es im Bericht von Professor Rüden. Das Bezirksamt sei eben sehr "knauserig" mit den zugestandenen Reinigungszeiten, begründet die Bereichsleiterin der beauftragten Firma "Berolina" die Probleme an der Grundschule. Außerdem sei dort der Teppichbelag gegen Linoleum ausgewechselt worden, dessen Nassreinigung zeitaufwendiger sei als das ursprünglich vereinbarte Teppichsaugen.

Offenbar gibt es auch Bezirke, in denen es mit der Reinigung klappt. Lobend erwähnt Professor Rüden das "hervorragende Reinigungskonzept", das die Hemingway-Realschule mit ihrem Hausmeister erarbeitet hat. Noch besser ist das Ergebnis am Friedrichshainer Dathe-Gymnasium, das laut Prof. Rüden "trotz Renovierungsbedürftigkeit einen guten Gesamteindruck" macht.

Die Bezirke vertreten übereinstimmend die Ansicht, dass die Hausmeister die Arbeit der Reinigungsfirmen kontrollieren und die Verfügbarkeit von Seife etc. im Auge behalten müssten. Elternvertreterin Willkomm kennt allerdings Fälle in Reinickendorf, in denen Hausmeister die Abnahme von mangelhaften Reinigungsleistungen verweigerten und dann vom Grundstücksamt die Weisung "unterschreiben" bekamen: Die Beamten wussten offenbar, dass nicht die Firmen sondern ihre "billigen" Vorgaben Schuld waren.

Oftmals sind die Hausmeister aber auch schlicht überfordert. Gute Kräfte seien nur schwer zu bekommen, klagen viele Schulleiter. Bei 50,5 Wochenstunden Arbeit und Abenddiensten bis 22 Uhr sei dies auch wahrlich kein "Traumjob", räumt Ina Nitschke vom Schöneberger Grundstücksamt ein.

Wenn dann kein rühriges Kollegium Paroli bietet, ist es schlecht bestellt: Abgerissene Gardinen, eingestaubte Bastelarbeiten, lieblos hergerichtete Lehrerzimmer und obszöne Graffiti selbst auf den Toiletten von Grundschulen runden das Bild in vielen Schulen ab.

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