Berlin : Das Erdbeben in Berlin oder: Das alte System muss weg

In der Schaubühne diskutierten Vertreter der Banken-Initiative mit Finanzsenator Sarrazin

Ulrich Zawatka-Gerlach

Es ist Sonntag, 12 Uhr. Das Publikum füllt den Theatersaal der „Schaubühne“ bis auf den letzten Platz. Das Stück heißt: „Pleite im System“ und handelt von der Bankgesellschaft. Eigentlich sollte an diesem Tag „10 Jahre Völkermord in Ruanda“ aufgeführt werden, die Veranstaltung wurde verschoben. An vier separaten Tischen sitzen der Finanzsenator (Thilo Sarrazin), der Hochschullehrer (Rolf Kreibich von der Initiative Bürger gegen den Bankenskandal), der Journalist (Matthew D. Rose) und der Moderator (Mathias Greffrath). Sie rascheln mit Papier.

Erster Akt: Der Journalist sagt, dass die Berliner Politik keinen Landeshaushalt, geschweige denn eine Bank führen könne. Es werde so lange vertuscht, bis das System außer Kontrolle sei. Der Finanzsenator erinnert daran, dass seine politische Verantwortung erst am 18. Januar 2002 begann. Damals habe er sich wie nach einem Erdbeben gefühlt. „Man steht da, muss aufräumen und sucht nach Hohlräumen, in denen vielleicht noch Überlebende zu finden sind.“ Der Schaden, denn das Beben der Bankgesellschaft verursacht habe, sei auf 3 bis 6 Milliarden Euro zu schätzen: Für die Risikoabschirmung durch das Land, die er für richtig halte. Ein Konkurs hätte 11 bis 14 Milliarden Euro gekostet. Aus dem Verkauf der Bank bis 2007, der zu den Auflagen der EU-Kommission gehöre, werde das Land Berlin einen „nennenswerten Kaufpreis“ erzielen. Der Hochschullehrer sagt, das überzeuge ihn nicht. „Wir glauben Ihnen keine Zahl mehr.“ Nicht weil der Senator lüge, sondern weil er es nicht besser wisse. Das Kernthema sei doch Vertuschung, Täuschung und Verantwortungslosigkeit. Die Bankgesellschaft sei nicht sanierungsfähig und man werde den Finanzsenator umwerben, „sich vom falschen Weg zu verabschieden“. Eine Untersuchungskommission müsse prüfen, wer die Schuldigen seien. Heftiger Applaus.

Zweiter Akt: Der Finanzsenator erregt sich, wirft dem Hochschullehrer vor, „absolutes Stammtischgeschwätz abzusondern“. Er habe von der Bank keine Ahnung und stelle wilde Vermutungen an, die einfach nur Unfug seien. Der Hochschullehrer kaut an seiner Brille, aus dem Publikum gellen Pfiffe und der Journalist schließt sich der Forderung nach einer Untersuchungskommission an, um die tatsächlichen Finanzrisiken des Bankenskandals festzustellen. Der Moderator gibt zu bedenken, dass ein Verkauf der Bankgesellschaft inklusive der Sparkasse „an internationale Großkonzerne“ nicht im Sinne der regionalen, mittelständischen Wirtschaft sei. Der Finanzsenator sagt dem Journalisten, dass alle erkennbaren Risiken bilanziert worden seien. „Es gibt keinen Bedarf für eine Untersuchungskommission.“ Der Hochschullehrer beschwert sich über die „miesen Vokabeln“ des Senators, der bürgerschaftliches Engagement beschimpfe. „Uns gehört die Bank.“ Beifall auf offener Szene.

Dritter Akt: Das Publikum befragt die Akteure. Ein bekennender Marxist stellt die Systemfrage und eine Frau wirft dem Senator vor, „unübertroffen arrogant“ zu sein. Zwischenrufe ertönen: „Heuchler, Schwätzer, das System muss weg.“ Auch für den Journalisten ist das System das Problem. Der Hochschullehrer „ringt um einen neuen Weg“. Der Senator bekennt, dass das System immer noch verbesserungsfähig sei und er selbst im Rahmen der Verfassung agiere. Der Vorhang fällt.

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