Berlin : Das Experiment Krolloper

Hier spielte die Avantgarde, hier vollzogen die Nazis ihre Machtübernahme. Jetzt würdigt eine Ausstellung den Kulturbau gegenüber vom Reichstag

Tobias Schwartz

Steht man vor dem Reichstag und blickt Richtung Westen, sieht man vor allem eines: leere grüne Fläche. Da, wo heute nichts ist, stand früher die Krolloper. 1943 zerbombt und nach dem Krieg nicht wieder aufgebaut, diente die Ruine noch lange Zeit als Gartenlokal. 1951 schließlich wurden die Reste gesprengt und bis 1957 abgetragen.

Nun setzt sich eine Künstlerin dafür ein, die Erinnerung an den Prachtbau wiederzubeleben. In einer kürzlich eröffneten Ausstellung beschreibt Margret Holz vor allem die Blütezeit der Krolloper zwischen 1927 und 1931. Die kurze Ära hat das Haus berühmt gemacht. Unter der Leitung von Regisseur Hans Curjel und Dirigent Otto Klemperer sollte eine Volksoper entstehen. Neben klassischem Repertoire bot das „Experiment Krolloper“, wie Curjel das Projekt einmal nannte, vor allem der damaligen Avantgarde ein Forum. Werke von Schönberg, Strawinsky, Hindemith oder Debussy kamen auf die Bühne und begründeten den internationalen Ruf des Hauses. Gustav Gründgens inszenierte hier. 1931 wurde die Oper geschlossen. An der Schließung waren bereits Schergen der Nationalsozialisten beteiligt, die zwei Jahre später die Macht ergreifen sollten. Die Stücke der Krolloper galten unter der Nazi-Herrschaft fortan als „entartete Kunst“. Viele der Künstler mussten emigrieren.

Margret Holz, die sich seit Jahren mit dem leeren Raum vor dem Reichstag beschäftigt, konfrontiert nun die historischen Umstände mit der Gegenwart. „Was ist geblieben von dem Experiment Krolloper 1928?“, lautet die Frage der 1942 in Gera geborenen Künstlerin. In Anlehnung an Curjel nennt sie ihr Projekt „Experiment Krolloper 2005“. Der Titel der von Bundestagspräsident Wolfgang Thierse (SPD) protegierten Ausstellung ist Programm: In Fotocollagen und Montagen, Installationen und einer Video-Animation konfrontiert Margret Holz das Alte mit dem Neuen. Dem Grundriss des Gebäudes stellt sie Fundstücke vom ehemaligen Standort gegenüber, darunter ein Knochen, der wohl bei einem Grillfest übrig blieb, und das Bein einer Barbiepuppe. Nahaufnahmen des heutigen Standortes bilden den Hintergrund für Porträts von Künstlern der Krolloper. Der junge Zürcher Komponist Stefan Keller schrieb anlässlich des Projektes eine Komposition für Viola.

Die teilweise in die Kunstobjekte integrierte Dokumentation widmet sich mit Zeichnungen und Fotos der gesamten Geschichte der Krolloper. Gebaut wurde sie 1843-44 von Ludwig Persius und Carl Ferdinand Langhans und ist somit älter als das Reichstagsgebäude. Der Name geht auf den Restaurantbesitzer Joseph Kroll zurück, der das Opernhaus gründete. 1914 zerstört, wurde die Oper in den Jahren 1920-23 neu aufgebaut. Bis es 1927 von Klemperer übernommen wurde, gehörte das Haus zur Staatsoper. Nach dem Reichstagsbrand 1933 diente die Krolloper vorübergehend als Sitz des deutschen Parlamentes. Hier wurde das Ermächtigungsgesetz der Nazis verabschiedet. Margret Holz kämpft gegen das Vergessen dieser geschichtsträchtigen Stätte. Sie plant für den ehemaligen Standort eine Installation – zur Erinnerung. Zudem ist für ihr Projekt ein Begleitbuch in Arbeit.

Ausstellung bis 13.11. im Museum Mitte von Berlin, Am Festungsgraben 1, Mittwoch bis Freitag 13-17 Uhr, Samstag 13-20 Uhr, Sonntag 11-17 Uhr

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