Berlin : Das Fenster zum Himmel

Rüdiger Hoth leitete den Wiederaufbau des Berliner Doms. Heute geht er in den Ruhestand

Stefan Jacobs

Das Arbeitszimmer von Rüdiger Hoth ist achteckig und hat runde Fenster, durch die man die Engel sieht. An den Wänden hängen Zeichnungen und Fotos des Berliner Doms, in den Wandschränken liegen die Baupläne. 30 Jahre lang hat Rüdiger Hoth sich mit ihnen befasst. Ein halbes Leben lang leitete er den Wiederaufbau des im Krieg schwer beschädigten Domes. Eine Aufgabe, die ihn vom Katholiken zum Protestanten werden ließ. Eine lange Geschichte. In wenigen Tagen feiert Dombaumeister Rüdiger Hoth seinen 65., mit dem Gottesdienst heute um 10 Uhr wird er in den Ruhestand verabschiedet.

Ein wenig Pathos wäre also angebracht, aber dazu ist Hoth zu sehr Bauingenieur. Ursprünglich Maurer, hat er auf der Abendschule Abitur gemacht und studiert und fürs VEB Wohnungsbaukombinat 08-15-Häuser in die sozialistische Welt gesetzt. Kirchliche Bauprojekte – verfallende Dorfkirchen gab es zuhauf – waren für den katholisch erzogenen Ingenieur ein Feierabendgeschäft. Bis er gefragt wurde, ob er nicht den Wiederaufbau des Doms in die Hand nehmen wolle. „Ich weiß nicht, was mich da geritten hat“, sagt er. Er habe sich wohl gesagt, wenn er Abitur und Studium nebenher schafft, dann schafft er auch den Dom. Manfred Stolpe vom Bund der Evangelischen Kirche unterschrieb seinen Vertrag; am 2. Mai 1975 fing Hoth an zu arbeiten.

Teile der Kuppel waren bei den Bombentreffern bis in die Hohenzollerngruft gestürzt, Turmhelme fehlten, Treppen waren zerstört, durchschossene Fenster bei der provisorischen Sicherung 1952 zugemauert worden. Ein elender Anblick, der sich in den bronzenen Fenstern des nebenan erstrahlenden Palastes der Republik spiegelte. In dem 1973 begonnenen Neubau sieht Hoth die Initialzündung für die Reparatur des Doms: 30 Jahre nach Kriegsende wollten die DDR-Oberen ausländische Gäste nicht im Angesicht einer Ruine empfangen. Ein Fall für ein diplomatisches SOS an den Westen. „Eigentlich haben Devisenbeschaffer Schalck-Golodkowski und ein Militärbischof in Bonn den Wiederaufbau beschlossen“, mutmaßt Hoth. „Der Bonner hat in seine Portokasse geschaut und gesagt, ja, wir helfen euch.“ 45 Millionen D-Mark seien für die Außengestaltung veranschlagt worden, die DDR steuerte jährlich 200000 Mark bei, von denen beispielsweise Hoths Gehalt bezahlt wurde.

Dank dieses Finanzpolsters war der Wiederaufbau keine dieser „Tausche Trabi-Anlasser gegen farbiges Glas“-Geschichten. Dafür ein Drama um verschwundene Kreuze und vertriebene Engel: In ersten offiziellen DDR-Entwürfen war der Dom von religiösen Symbolen befreit. Am Ende einigten sich die Planer von Staat und Kirche zwar auf einen Entwurf, doch wundersame Dinge geschahen: Von den drei Figuren Liebe, Glaube und Hoffnung, die über die Karl-Liebknecht-Straße auf den neuen Volkskammer-Saal blickten, verschwand eines Tages der – kaum beschädigte – Glaube. Proteste des Pfarrers halfen nicht; Glaube war in der DDR nicht vorgesehen. Andere Neuerungen ließen sich verschmerzen. Hoth sagt, er habe erste „karnickelstallhafte“ Umbaupläne modifizieren können und den Dom davor bewahrt, zum Bürogebäude zu werden.

Wenn Rüdiger Hoth sich seines Lebenswerkes versichern will, muss er nur die Bürotür aufmachen und die Gespräche der Menschen belauschen, die die Treppe zur Kuppel erklimmen. Sie müssen den Dom nicht lieben, sagt er, aber respektieren sollen sie ihn. Freilich sei manche Ausbesserung nicht ganz gelungen – die neue Laterne mit dem Kreuz auf der Kuppel vielleicht etwas zu schnörkellos geraten, manches Einschussloch nicht perfekt ausgebessert. Perfektion sei weder bezahlbar noch zeitlich machbar, sagt Hoth, der strikt dagegen ist, die angewitterte Sandsteinfassade per Sandstrahl auf Frauenkirchenweiß zu polieren. So schlimm sei die schwärzliche Patina ohnehin nicht: „Wir sind ja erst 100 Jahre alt.“

Mehr Pathos als dieses „Wir“ leistet sich Hoth nicht. Am Montag, seinem letzten Arbeitstag, werden ihn Bauexperten über die Sicherung des Doms informieren, wenn der Palast abgerissen wird. Hoth macht sich keine Sorgen, der Dom wird halten. Auch dann noch, wenn er sich seinem Staudengarten widmen und Mosaike bauen kann, wie sie das Hauptportal des Doms zieren. Er sorgt sich ein bisschen, dass seinem Körper die Entspannung nicht gut bekommt nach 30 Jahren Stress. Aber er ist ja noch nicht ganz fertig mit seinem Dom: Drei Säulen von den Vorgängerbauten des Doms will er vor dem Hauptportal aufstellen lassen. Sie lagern im Schlosspark Charlottenburg und auf dem Gelände der Technischen Universität. Hoth bräuchte nur etwas Geld, einen Lkw und einen Kran. „Wenn die Säulen hierher kämen, wo so viele Menschen sie sehen – das wäre eine große Sache“, sagt er. Es klingt fast ein wenig pathetisch.

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