Berlin : Das Ferien-Experiment

Neun Single-Mütter fahren mit ihren Jungen zusammen in Urlaub und hoffen: „Dann haben wir endlich mal Ruhe“

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Von Jan-Martin Wiarda

Der Fußball muss mit. Maximilian hat ihn gleich als Erstes eingepackt, denn wenn der künftige Drittklässler schon mal mit acht anderen Jungs zwischen sechs und elf in die Ferien fährt, dann springt dabei bestimmt das eine oder andere Match heraus. Gut, neun Mütter kommen auch noch mit ins Honigparadies, doch die sollten eigentlich nicht weiter stören: Ganz viele Bücher lesen wollen sie, das haben sie schon angekündigt, faul in der Sonne liegen oder auch mal allein unter Müttern eine Radtour machen.

Väter waren keine dabei, als sich die kleine Reisegesellschaft gestern früh vor der Abreise am Bahnhof Zoo versammelte, denn alle neun Frauen sind alleinerziehend. Für viele von ihnen ist die zweiwöchige Expedition ins „Honigparadies“, dem Schullandheim auf der Nordseeinsel Amrum, die erste Chance auf Erholung seit langem. Schließlich fehlt es vielen Alleinerziehenden entweder an Geld oder an attraktiven Kinderbetreuungsangeboten unterwegs – oder an beidem.

„Das Beste an unserer Reise ist, dass sich die Kinder gegenseitig beschäftigen“, sagt Elisabeth M. Sie hat die Tour nach Amrum zum zweiten Mal organisiert. „Und während ein paar von uns aufpassen, haben die anderen endlich mal ihre Ruhe.“

Elisabeth M. ist die Mutter von Julian, neun Jahre. Sie hat ein bisschen Angst, mit vollem n in der Zeitung zu stehen. Vielleicht weil man als Alleinerziehende misstrauischer wird. Vielleicht weil sich Alleinerziehende alle Sorgen allein machen müssen.

Wer mehr zum Thema Single-Mütter wissen will, ist bei Elisabeth M. übrigens gut aufgehoben. Sie ist Mitglied im Verband Alleinerziehender Mütter und Väter (VAMV), ein äußerst engagiertes Mitglied dazu. Der Name ihres Verbandes ist schon die erste Information: Es gibt auch ein paar Väter im Verband, doch die lassen sich bei Versammlungen eher selten sehen. Der VAMV mischt mit in familienpolitischen Debatten und bietet Beratung während der Trennungsphase.

Außerdem ist der Verband ein hervorragendes Vehikel für Leute wie Elisabeth M., die gerne Kontakte knüpfen: Vergangenes Jahr hatte Julians Mutter über die Verbandszeitschrift für die Amrum-Fahrt geworben. Die Zahl der Bewerber hatte die Zahl der Plätze so deutlich überstiegen, dass sich M. die Ausschreibung dieses Jahr sparen und einfach diejenigen Mütter anrufen konnte, den sie vorigen Sommer noch hatte absagen müssen. „Offenbar ist ein großer Bedarf da unter Alleinerziehenden“, sagt die Finanzbeamtin.

Seit Wochen verhandelt sie mit dem Schullandheim, der Bahn, dem Fahrradverleih und dem Transportservice fürs Kofferschicken. Das mit dem Kofferschicken sei kein Luxus, sagt Elisabeth M. „In den Geschäftszügen von heute ist nur noch Platz für den Aktenkoffer.“ Insgesamt hat sie den Preis auf rund 1000 Euro pro Familie drücken können. Klingt immer noch viel, doch für den gleich langen Pauschalurlaub wird es schnell doppelt so teuer - ohne Kinderprogramm.

Lennart, 8 Jahre, hatte erst ein bisschen Angst vor der Fähre, die Amrum mit dem Festland verbindet. Lennart kann nämlich noch nicht schwimmen. Max wiederum hat sich in den Ferien angewöhnt, spät aufzustehen und meckert auch sonst gerne mal, wenn er früh aufstehen muss. Um zwanzig nach acht in der Schalterhalle, direkt vor der großen Anzeigetafel, spielt das aber alles keine Rolle mehr. Die Jungen juchzen.

„Ich stelle mir die Unterkunft sehr einfach vor“, sagt Maximilians Mutter Anneke. „Jugendherbergsmäßig eben.“ Nach dem Essen gibt es Abwaschdienst, und untergebracht ist die Gruppe in Vierbett-Zimmern, je zweimal Mutter mit Kind. „Klar werden sich die Jungs auch mal foppen“, sagt Anneke. „Aber ich finde, das ist eine tolle Übungsmöglichkeit, miteinander klarzukommen.“

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