Berlin : Das fliegende Badezimmer

Das Beisheim-Center am Potsdamer Platz ist die schnellste Baustelle der Stadt: Bis zum 80. Geburtstag des Bauherren muss alles fertig sein

Lars von Törne

Immer, wenn es Abend wird, schweben am Potsdamer Platz die Badezimmer ein. Im Schein der Halogenstrahler hebt Kran Nummer neun eins nach dem anderen von der Ladefläche des Tiefladers. Von außen betrachtet sind es unscheinbare Betonquader, drei mal drei Meter Grundfläche. Aber innendrin steckt der sanitäre Luxus, inklusive Marmorfliesen und Marmorwanne, Armaturen, Spiegel und Klopapierhalter. Scheinbar mühelos, als wögen sie nicht sechseinhalb Tonnen, sondern nur ein paar Kilo, hebt der Kran langsam die Quader hinauf in den Abendhimmel. Im siebten Stockwerk des künftigen Ritz-Hotels, direkt hinter dem Sony-Center, schwebt das Badezimmer den Rohbau entlang. Dann lässt der Kranführer den Betonwürfel langsam in eines der künftigen Hotel-Appartements hinab. Techniker bugsieren ihn zu einer Vertiefung im Boden, bis er auf sechs Hartgummipuffern landet. Der Kran lässt los, dreht ab und schon baumelt das nächste Badezimmer am Haken.

Das Beisheim-Center ist die letzte große Baustelle am Potsdamer Platz. Die Bäder sind ein Grund, warum der Rohbau im Rekordtempo wächst. 40 Badezimmer werden alleine im künftigen Ritz-Hotel jede Woche eingesetzt. Sobald sie stehen, rücken die Maurer und Zimmerleute an, um die Decken und Wände der Etage darüber zu bauen. Jede Woche wächst das Hotel um eine Etage. „In einer Zeitung stand, wir sind die schnellste Baustelle Berlins“, sagt Harald Riehle, während er durch den knöcheltiefen Matsch zwischen den vier Rohbauten stapft. Der Ingenieur von der Firma Intertec ist der Oberbauleiter und trägt damit eine Menge Verantwortung: Zwei große Hotels, ein Bürogebäude und ein luxuriöses Appartementgebäude entstehen hier gleichzeitig, auf einer Fläche, die in etwa der des Sony–Centers entspricht. Harald Riehle ist ein sachlicher Mensch, aber seine Begeisterung kann er nicht verbergen, wenn er über seine Baustelle spricht.

„Wir haben enorm wenig Zeit“, sagt der Schwabe und läuft über die Freitreppe des Hotels hinauf in den künftigen Ballsaal. Je eineinhalb Jahre für Planung und Fertigstellung – normalerweise braucht man für einen Bau dieser Größe doppelt so lange. Aber diesmal ist alles anders, denn der Bauherr ist ehrgeizig. Otto Beisheim, der frühere Chef der Metro-Gruppe und alleiniger Finanzier des 480-Millionen-Euro-Projektes, will sich mit dem Beisheim-Center ein persönliches Denkmal setzen. Und er will seinen 80. Geburtstag im Ballsaal des Ritz-Carlton-Hotels feiern. Der ist am 4. Januar 2004.

Im Moment sieht der Ballsaal noch aus wie eine Kulisse aus dem düsteren Science-Fiction-Film „Blade Runner“. Kahler Beton, von Neonröhren beleuchtet, offene Stahlträger unter der Decke, es ist kalt und zugig, Regenwasser tropft auf den staubigen Boden. „Hier werden einmal drei große Kronleuchter hängen, an die Wände kommen feines Holz und edle Tapeten“, sagt Harald Riehle und hebt die Stimme, um gegen den Lärm anzureden. Von einer Seite dröhnt eine Schlagbohrmaschine, von einer anderen eine Kreissäge. Arbeiter schleppen Stahlträger durch den Raum. Es riecht nach feuchtem Mörtel, frisch geschnittenem Holz, geschmolzenem Metall.

Um das Tempo zu halten, hat Riehle seiner Baustelle eine straffe Organisation verpasst. Die Fäden laufen bei Mario Noack zusammen. „Wir sitzen im Zentrum des Spinnennetzes“, sagt der 37-jährige Logistik-Chef. Pläne auf dem Schreibtisch, Pläne in den Regalen, Pläne an allen Wänden des Bürocontainers. Hier werden die 600 Arbeiter koordiniert, die 100 Firmen, die zwölf Kräne und die 180 Lastwagen, die bis in den späten Abend Beton, Fertigteile, Gussrohre, Schalungen und Deckenplatten anliefern. „Wenn man das nicht ganz genau plant, bricht das Chaos aus“, sagt Noack. Jeder Lieferant muss sich zwei Tage vorher schriftlich anmelden, dann teilt Noack ihm einen „Slot“ zu, also eine Lande- und Startgenehmigung wie auf dem Flughafen. In Spitzenzeiten rumpelt alle fünf Minuten ein Lastwagen durch eines der drei Baustellentore. Zwei Männer, Noack nennt sie „unsere Straßensheriffs“, sind zwischen den Rohbauten unterwegs, um zu kontrollieren, ob sich auch jeder an die Vorschriften hält. „Das ist wie eine kleine Stadt, die wir hier steuern“, sagt Noack.

Gerät der straffe Plan mal durcheinander, liegt es meist an der Welt da draußen. „Immer, wenn hier eine Demonstration vorbeizieht, bleiben die Lkws stecken und wir verlieren wertvolle Stunden“, sagt Hendrik Bollmann, Bauleiter für den Rohbau des Ritz-Hotels. Während er aus seinem Bürocontainer blickt, stöhnt er über Love Parade und den letzten Bau-Streik: „Das hat uns um Tage zurückgeworfen.“ Dafür mussten die Arbeiter danach täglich eben noch ein paar Stunden länger arbeiten, bis sie wieder im Plan lagen. „Eine Woche für eine Etage – das is’ schon Wahnsinn“, sagt Bollmann. 15 Jahre ist er schon im Geschäft, aber das Tempo beim Beisheim-Center stellt alles in den Schatten: „Ich dachte immer: Schlimmer kann der Druck nicht werden“, sagt er und lacht. „Hier habe ich gelernt: Es geht doch noch einen Zacken schärfer.“

Wenn Otto Beisheim in 15 Monaten seinen Geburtstag im Ritz feiern kann, hat er das auch Männern wie Manuel Baltazar zu verdanken. Der Maurer aus dem portugiesischen Coimbra steht auf einem Gerüst im fünften Stock des Rohbaus und stemmt sich mit einem wuchtigen Schlagbohrmeißel gegen die Wand. Zentimeter für Zentimeter schlägt er Betonstücke ab, die beim Gießen der Wände übrig geblieben sind. „Harte Arbeit“, sagt er in gebrochenem Deutsch, lächelt schüchtern, und setzt den zehn Kilo schweren Meißel zum nächsten Schlag an. Der 38-jährige Maurer gehört zu einer Truppe von 27 portugiesischen Bauarbeitern, die seit April im Beisheim-Center die Betonwände gießen. Sie wohnen in gemieteten Zimmern in Mitte, zwei Mann pro Raum, erzählt Dolmetscher Luis Carraças. Täglich arbeiten sie bis zu elf Stunden, sechs Tage pro Woche. Mehr, als sich die meisten deutschen Arbeiter antun möchten. Frauen und Kinder sind in Portugal geblieben. „Es gibt dort einfach nicht genug Arbeit“, sagt José Melo, Polier und Chef der Mannschaft. „Außerdem verdienen wir hier zehn Euro pro Stunde – in Portugal gibt es nur sechs.“ Bei der Eröffnung des Hotels werden sie nicht dabei sein. „Mit den Schuhen“, sagt Carraças und zeigt grinsend auf seine lehmverschmierten Stiefel, „würden wir da sowieso nicht reinkommen.“

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