Berlin : Das fliegende Sofa

Traumfabrik vom Gendarmenmarkt: Vor dem Deutschen Dom haben gestern die Dreharbeiten für die Jules-Vernes-Verfilmung „In 80 Tagen um die Welt“ begonnen. Ein rotes Möbelstück spielte dabei die Hauptrolle

Björn Seeling,Ariane von Dewitz

Von Björn Seeling

und Ariane von Dewitz

Hat Berlin die Invasion der Holländer verschlafen? Der südliche Gendarmenmarkt ist am Dienstagmorgen ein Fort aus Campingwagen. Zwischen den doppelachsigen Mobilheimen, alle originellerweise von der Marke „Dutchmen“ (Holländer), bleibt keine Handbreit Luft. Doch das fahrende Volk, das darin wohnt, kommt nicht aus dem Land der glücklichen Kühe, sondern aus der Welt des schönen Scheins. Denn am Gendarmenmarkt haben gestern die Dreharbeiten für „In 80 Tagen um die Welt“ begonnen. Acht Wochen lang surren in Berlin die Kameras.

Wobei „Drehen“ beim Film eher „Stehen“ bedeutet. Da stehen am Rande beispielsweise die Komparsen. Zu 9 Uhr waren sie herbestellt worden, nun müssen sie auf ihren Einsatz warten. „Das macht gar nichts“, sagt Günter Biber stellvertretend für die anderen Kleindarsteller. Das Dabeisein zähle, sagt der Mann mit dem Zwirbelbart, der als Concierge gebucht ist. Und überhaupt: Wann kommt man schon einmal dazu, an einer internationalen Großproduktion mitzuwirken? (siehe unten stehender Text). Liebevoll kostümiert tröpfeln die Komparsen aus einem Bürogebäude. Irgendwo hinter der glatten Fassade befindet sich die Garderobe, in der Gehrock und Melone ausgegeben, Haarteile und Bärte frisiert werden. Lady Iris Dathe verrät, dass die Detailliebe der Ausstatter soweit geht, dass sie sich in ein Korsett zwängen musste. Zudem trägt sie ein Kissen unterm Kleid, damit sich ihr Po – passend zur damaligen Mode – enorm abzeichnet. Aus dem Bürohaus schreiten indes immer mehr Ladies und Gentlemen – als ob sein Eingang direkt in den Timetunnel nach London anno 1880 führte. 60 Euro erhalten die Komparsen für die Zeitreise.

Aber noch viele andere stehen und warten: die Schaulustigen. Überraschend nah dürfen sie an den Deutschen Dom heran, der heute die Kulisse bietet. „Sie können gerne fotografieren“, sagt ein Wachmann, „aber bitte ohne Blitz.“ Sonst könnten die Aufnahmen schief gehen – natürlich die vom Spielfilm. „Diener Passepartout wird mit einem roten Polstersofa aus der Bank of England gesprengt und knallt aufs Pflaster“, heißt kurz umschrieben die Szene, die den Zuschauern geboten wird. Das Möbelstück baumelt gut fünf Meter hoch am Ausleger eines Riesenkrans, Passepartout krallt sich an die Lehne und – plumps! – geht’s abwärts. Von der Spitze eines anderes Kranes fällt dem Diener Dreck auf die Birne. „Warum machen die dit nich am Computer?“, versucht sich jemand als Filmexperte. Daneben wird über die Person des Darstellers spekuliert. „Dit is niemals der Jackie Chan!“ Recht hat er, denn der Hollywood-Actionstar steht inmitten der Filmleute und dirigiert sein anderes Ich.

Unweit von der Sofa-Absturzstelle erzählen die Schauspieler Steve Coogan (Phileas Fogg) und Cecile de France (Monique) sowie Regisseur Frank Coraci von ihrer Zeit in Berlin. Die Filmproduktionsfirma hat zur Pressekonferenz geladen. „Obwohl es sehr anstrengend ist und wir abends sofort ins Bett fallen, haben wir wahnsinnig viel Spaß“, sagt de France. Sie liebe das Abenteuer – dafür sei der Film genau das Richtige. „Ihr Kollege Coogan ist ganz hin und weg vom Drehort: „Berlin ist eine tolle Stadt – ich wohne in Charlottenburg und versuche, mich wie ein ganz normaler Berliner zu benehmen.“ Allerdings scheitere das an seinem schlechten Deutsch. Wenn er sich da mal nicht irrt.

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