Berlin : Das Fotomodell des Tages

Nach der Enthüllung wollten Tausende das Tor bei Licht betrachten – und Bill Clinton, der sich mit Helmut Kohl zu Eisbein und Sauerkraut traf

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Von Holger Wild

Ja, was ist das denn? Da stehen hunderte von Leuten im Halbkreis vorm Brandenburger Tor, Westseite – und wenden unserem frisch enthüllten Wahrzeichen ihre Rücken zu! Stehen da, gucken auf die leere, abgesperrte Ebertstraße – und warten.

Warten darauf, dass Bill Clinton in dunkler Limousine mit getönten Scheiben vorbeifährt. Der nämlich saß am Freitag mit seinem alten Freund Helmut Kohl im „Theodor Tucher“ am Pariser Platz zusammen. Ganz, wie im Mai ihre beiden Nachfolger im Amt, George W. Bush und Gerhard Schröder. Der Vorschlag, sich dort zu treffen, sei vom Ex-Präsidenten gekommen, sagte der Geschäftsführer des Lokals, Deff Haupt. Nur, dass Clinton sich vom „Adlon“ her nicht mit dem gepanzerten Wagen hat fahren lassen, sondern zu Fuß ging. Hände schüttelte und die Herzen anwesender Passanten höher schlagen ließ.

Durchs Tor allerdings ging Clinton nicht. Das taten dafür alle anderen, die am Tag nach der nächtlichen Enthüllung des Bauwerks gekommen waren, um es nach zweijähriger Sanierung bei Tageslicht in aller alten Schönheit dastehen zu sehen. Selten in seiner Geschichte dürfte es an einem einzigen Tag so eifrig fotografiert worden sein. Die Menschen betrachteten ausgiebig den gesäuberten Sandstein, den gereinigten Putz, strichen auch schon mal prüfend mit den Fingern darüber. Und durchschritten es – durch die Säulengänge an den Seiten oder den einzigen der fünf eigentlichen Tordurchgänge, der am Freitag schon geöffnet war: von Osten kommend ganz links.

Um die übrigen Durchgänge nämlich zogen sich in weitem Bogen noch Absperrgitter. Mit Teleskopkränen wurde die Bühne der Einheitsfeiern vom Donnerstag abgebaut, auf der Westseite beseitigten Männer auf Hebebühnen die Reste der Befestigungen der Gerüste und Planen, die das Tor während der Sanierung umgeben hatten. So musste man sich schon einen guten Blickwinkel suchen, um das Tor möglichst unbeeinträchtigt von den Aufräumarbeiten aufs Foto zu bekommen.

Und Taxis oder Busse, die ja laut Senatsbeschluss das Tor von Ost nach West durchfahren dürfen, werden darauf auch noch einige Tage warten müssen. Bis 15. Oktober (einschließlich), um genau zu sein, bis dahin nämlich ist die Kreuzung Unter den Linden/Wilhelmstraße gesperrt (siehe dazu auch nebenstehenden Kasten). Am Freitag begannen die Bauarbeiten: Die Ampelanlagen werden erneuert, dazu muss die Straße aufgerissen werden, und im Zuge dieser Tätigkeiten wird auch der Gehweg Unter den Linden verbreitert. Die Sperrung der Kreuzung führte zumindest am Freitag zu größeren Staus in den umliegenden Straßen. Allerdings waren da auch die Dorotheen- und die Straße des 17. Juni noch für den Verkehr gesperrt. Diese sollen ab heute wieder frei sein.

Und nach anderthalb Stunden im „Tucher“ hatten dann auch Helmut Kohl und Bill Clinton ihr Berliner Eisbein mit Sauerkraut und Erbspüree aufgegessen: Kohls Wahl, der Clinton sich angeschlossen habe; das pork knuckle soll ihm übrigens geschmeckt haben. Nun auch konnten die in der Ebertstraße hinter den Absperrgittern Wartenden endlich den Ex-Präsidenten leibhaftig erblicken – oder doch wenigstens seinen weißen Haarschopf. „USA!“-Rufe ertönten, Fotoapparate knipsten, Clinton winkte in die Menge, umarmte Kohl und fuhr davon. Und das Interesse der Passanten galt wieder ganz allein dem Brandenburger Tor.

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