Berlin : Das frage ich mich auch

Ein Reiseführer und ein Stadtquiz stellen das Berlin-Wissen auf die Probe.

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Die Vielfalt der Übernachtungsmöglichkeiten in Berlin scheint schier unerschöpflich zu sein und der Öffentlichkeit noch längst nicht in allen Facetten bekannt. Nehmen wir nur die Unterkunft in der Polizeihistorischen Sammlung am Platz der Luftbrücke. Im Keller wurde eine Gefängniszelle aus den sechziger Jahren nachgebaut, zwecks musealer Authentizität – und als Schlafstätte für abenteuerlustige Berlin-Besucher. Seit 2010 ist das Ein-Zellen-Hotel in Betrieb, bei einem moderaten Preis von 39 Euro gibt es ein metallenes Bettgestell samt Matratze, einen Kleiderschrank, einen Plexiglasspiegel und ein WC samt einer Rolle besonders rauem Toilettenpapier. Wegen des Erfolgs ist jetzt sogar eine Großraumzelle für vier „Häftlinge“ geplant.

Unglaublich, nicht wahr? Und sofort stellt sich die Frage: Fakt oder Fake? Die Frage, die ein neuer, im Ch. Links Verlag erschienener Berlin-Führer gleich im Titel trägt. Denn anders als die gewohnte Reiseliteratur, die sich schon im Interesse der durch die jeweilige Stadt irrenden Fremden an die Fakten halten muss, mischen Martin Kaule und Benjamin Liebhäuser in ihr Berlin-Bändchen allerlei haarsträubend wahre wie erfundene Stadtanekdoten, über deren Realitätsgehalt der Leser dann selbst entscheiden kann. Um zu klären, ob er mit seinem Urteil richtig oder voll daneben liegt, wurde eigens eine Internetseite eingerichtet.

Als „völlig neues, interaktives Reiseführerkonzept“ preist der Verlag das an, es dürfte vor allem bei jüngeren Berlin-Besuchern auf Interesse stoßen. Ergänzt wird es durch ein ganzes Bündel von Gutscheinen, „im Wert von 90 Euro“, wie es heißt, Rabatte für dies und jenes oder auch schon mal eine Currywurst gratis. Sehr verdienstvoll gerade für Reisende mit knappem Budget, nur war angesichts von so viel Bons und Rätseln offenbar kein Platz mehr für ein Register, in dem der Leser nachschlagen könnte, wo sich im Buch Informationen zu diesem oder jenem Ort finden lassen. Beispielsweise zur East Side Gallery, die kurz im Rahmen der „Mauer-Tour“ auftaucht – nur als Alibi-Foto: Auf der vorgeschlagenen Tour selbst, einer Rundfahrt per Rad, wird die von den anderen Mauerorten weit entfernte Bilderwand an der Oberbaumbrücke nicht gestreift. Ein Mangel, der dem Konzept des Buches geschuldet sein dürfte. Aufgebaut ist es nach sieben Thementouren, dabei geht es etwa zu Mauerresten und durchs Regierungsviertel, und eine Fußballtour gibt es auch. Abseitiges im wahrsten Sinne des Wortes muss da der durchschnittlichen Aufnahmekapazität und Fitness geopfert werden. Karten zu den Touren findet man ebenfalls im Internet.

Ein Wegweiser also für den mit Smartphone oder Tablet zusätzlich bestückten Berlin-Touristen, ganz spaßig in der Aufmachung, mit vielen Informationen, Hinweisen und Vorschlägen zum Entdecken der Stadt, dazu in einem Format, das gut in die Gesäßtasche einer Jeans passt. Und was die „Rast im Knast“ betrifft: Achtmal wurde bislang die falsche Antwort angeklickt. Erstaunlich, was die Leute Berlin zutrauen.

Wer durch das Frage-und-Antwort- Spiel auf den Geschmack gekommen ist und sich als Berlin-Kenner noch weiter testen und mit seinen Kenntnissen prunken will: Der Grupello-Verlag in Düsseldorf hat unlängst ein von Melanie Florin erstelltes „Berlin-Quiz“ herausgebracht. Eine hübsch aufgemachte Box mit 100 Fragekärtchen (10,90 Euro), die man nur auf den Kopf stellen muss, um die richtige Antwort zu erhalten. Manches ist einfach („Welcher Dramatiker und Lyriker gründete 1949 das Berliner Ensemble?“), anderes erfordert Spezialkenntnisse, etwa die Frage nach der Zahl der Stelen des Holocaustmahnmals (a) 1945; b) 2711; c) 3333“), nach der ursprünglichen Bedeutung des Namens Avus oder nach dem Rockstar, der von 1976 bis 1978 West-Berlin zu seiner Heimat machte und die eingemauerte Teilstadt später als „Welthauptstadt des Heroins“ bezeichnete. Hätten Sie’s gewusst? Nun gut, der Rockstar hat gerade erst wieder sein altes Berlin besungen, das stand auch in diesem Blatt zu lesen. Doch welcher „Tag“ brauchte zehn Jahre bis zu seiner Vollendung? Andreas Conrad







— Martin Kaule/Benjamin Liebhäuser:
Fakt oder Fake? Berlin – Dein Tour-Guide durch die Hauptstadt. Ch. Links Verlag, Berlin. 120 Seiten, 10 Euro.

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