Berlin : Das Friedrich-Puzzle

Goethe, Menzel, Wilhelm II. und Hitler waren Fans des großen Preußenherrschers. Auch die Ufa, die ihn immer wieder ins Kino brachte. Wie ein König die Nachwelt in seinen Bann zog.

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Dichtung und Wahrheit. In der Ufa-Produktion „Das Flötenkonzert von Sanssouci“ aus dem Jahr 1930, dem ersten Tonfilm der Fridericus-Rex-Reihe, darf Otto Gebühr als Friedrich II. mit Renate Müller als Ehefrau Blanche von Lindeneck turteln. Das Bild ist auch Teil einer Sonderausstellung zu Friedrich dem Großen im Potsdamer Filmmuseum. Foto: dapd
Dichtung und Wahrheit. In der Ufa-Produktion „Das Flötenkonzert von Sanssouci“ aus dem Jahr 1930, dem ersten Tonfilm der...Foto: dapd

Der König hält viel aus“, sagt Tom Wolf, der PreußenKrimi-Schreiber. Friedrich sei aufgrund eines Sammelsuriums überlieferter Zitate und Anekdoten ein „Stückwerk-König“. Da kann sich jeder seinen eigenen Monarchen zusammenpuzzeln.

Die Friedrich-Begeisterung existiert schon zu seinen Lebzeiten, weil sich der Monarch, selbst als Dichter, Feldherr, Architekt, Arzt oder was auch immer seinem Ego schmeichelt, zu inszenieren weiß. Auch Goethe gehört zu seinen Bewunderern, was nicht auf Gegenseitigkeit beruht. 1840, zum 100. Jubiläum der Thronbesteigung, erscheint die erste Gesamtdarstellung Friedrichs des Großen, geschrieben von Kunsthistoriker Franz Kugler, illustriert von Adolph Menzel, dem preußischen Hofmaler. Dessen Urteil zu Friedrich fällt enthusiastisch aus: „Friedrich über alles. Mich hat nicht so bald was so ergriffen. Der Stoff ist so reich, so interessant, so großartig ...“

Menzel begeistert weniger der unbeugsame Feldherr, er verehrt den „alten Fritz, der im Volke lebt“, und zeigt ihn bei der Besichtigung des kriegszerstörten Küstrin, umringt von Untertanen. Friedrich ist für Menzel ein liberaler Hoffnungsträger, ein Monarch, der die Rechte seiner Bürger anerkennt. Acht Jahre nach Erscheinen des Buches endet der liberale Traum an den Barrikaden. Die Revolution in Berlin wird vom preußischen Militär niedergeschlagen. Menzel bastelt weiter an seinem Friedrich-Puzzle. Insgesamt elf Bilder zeigen den Herrscher in ausgewählten Szenen seines Lebens. 1852 entsteht das berühmte Gemälde Flötenkonzert von Sanssouci, eine überhöhte Inszenierung des Musiker-Königs, die 1930 als Kulisse für den ersten Tonfilm über den Alten Fritz Pate steht. Die Friedrich-Biografie von Kugler/Menzel wird bis heute erfolgreich verlegt.

Ein ebenso populäres Buchprojekt erscheint 1895. Verantwortlich sind zwei befreundete Maler: Carl Röchling und Richard Knötel. Die beiden haben sich mit Schlachtengemälden einen Namen gemacht, Knötel hat nebenbei noch die „Uniformkunde“ herausgebracht: „Lose Blätter zur Entwicklung der militärischen Tracht“. Röchling und Knötel landen einen Verkaufshit: „Der Alte Fritz für Jung und Alt in 50 Bildern“. Die Illustrationen zitieren überlieferte Kapriolen und Heldengeschichten aus dem Leben des Preußenkönigs. So ist Friedrich als Knabe beim Verteilen von Brezeln zu sehen, die er sich angeblich von seinem Taschengeld gekauft hat, um sie den Armen zu geben. Beim heimlichen Flötenspiel warnt ihn Freund Katte vor dem herannahenden Vater. Später hat sich der König in das militaristische Vermächtnis des Hauses Hohenzollern gefügt und gibt den Hasardeur.

Friedrich der Große gehört im kaiserlichen Deutschland zu den historischen Figuren, die dem deutschen Ringen nach Ruhm und Größe in der Welt Authentizität verleihen. Gleichzeitig bietet seine traurige Jugendzeit unter der Knute des Vaters eine willkommene Bezugsebene für die zeitgenössische Strafpädagogik und Manneszucht. Kaiser Wilhelm II. steht persönlich für die Friedrich-Skulptur in der Berliner Siegesallee Modell. Auch im Karneval verkleidet er sich als blau berockter Preußen-König. Mit dessen Konterfei werben Fabrikanten für ihren Schnupftabak.

Bis 1945 genießt Friedrich eine ungebrochene Popularität, zuletzt als listiger Kriegsstratege für die Durchhaltepropaganda der Nazis. Veit Harlan dreht 1942 „Der große König“ und setzt den Schwerpunkt auf die Schlacht von Kunersdorf und Friedrichs Weigerung, nach dem Verlust seiner Armee zu kapitulieren. Seine Persönlichkeit wird für das Heldenepos von überlieferten Makeln reingewaschen. Goebbels drängt darauf, dass Friedrich auf Reinlichkeit achtet und nicht proletenhaft berlinert. In den diversen Arbeitszimmern Hitlers hängen Friedrich-Porträts. Noch 1945 lässt er sich im Führerbunker aus einer Friedrich-Biografie vorlesen, stets das rettende „Mirakel des Hauses Brandenburg“ vor Augen.

Schon zu Beginn der zwanziger Jahre entstehen erste Stummfilmepen zu Friedrich. Die „Fridericus-Rex“ Filme der Ufa glorifizieren unverhohlen das monarchische Deutschland und schüren Ressentiments gegen die Weimarer Republik. Einige Filmhistoriker bezeichnen die Ufa-Produktionen als präfaschistisch, weil sie im Konflikt zwischen Friedrich und seinem Vater die Unterwerfung als notwendige Läuterung des Charakters darstellen. Friedrich selbst, verkörpert von Otto Gebühr, erscheint als freundlich-charmanter Monarch, der sogar für Frauen etwas übrig hat. Nur Kuss-Szenen trauen sich die Regisseure nicht. In „Die Tänzerin von Sanssouci“ von 1932 werden allenfalls zweideutige Blicke ausgetauscht.

Die Friedrich-Rolle verhilft dem Schauspieler Otto Gebühr zu nationalem Ruhm. Seine Identifikation mit dem Alten Fritz geht so weit, dass man ihn auf der Straße als Eure Majestät anspricht. Die eigentliche Majestät, der ehemalige Kaiser, weilt ja im Exil. Otto Gebühr wird als Friedrich zum deutschen Ersatzkaiser. 15 Mal steht er zwischen 1919 und 1942 in seiner Paraderolle vor der Kamera. 1938 wird er zum Staatsschauspieler ernannt. Parallel zu den Filmen läuft die Werbemaschinerie mit Friedrich-Briefmarken und Friedrich-Zigarettenbildern. Die „Constantin Cigarettenfabrik“ gibt um 1925 ein eigenes Sammelalbum zum Alten Fritz heraus: „Friedericus Rex. Wege zu Kraft und Schönheit“. Wie sich dieser seltsame Titel erklärt, bleibt das Geheimnis der Zigarettenwerber. Friedrich aß und trank zu viel und achtete zeitlebens wenig auf sein Äußeres.

Nach dem Krieg bleibt der Monarch als Inkarnation von Preußentum und Militarismus lange Persona non grata. Seine Standbilder werden eingemottet. In der DDR beginnt die Friedrich-Renaissance Anfang der 80er Jahre mit den Filmen „Sachsens Glanz und Preußens Gloria“. Im Westen wird der 200. Todestag Friedrichs 1986 mit einer Ausstellung im Schloss Charlottenburg gewürdigt. Friedrich tritt langsam aus Hitlers Schatten.

Es gibt Hunderte von Monografien über Friedrich und seine Zeit wie auch einige Dutzend Filme. Als Romanfigur ist er aber kaum in Erscheinung getreten. Tom Wolf kann sich an keinen ernsthaften Versuch erinnern. Die düsteren Fridericus-Romane des deutschnationalen Schriftstellers Walter von Molo aus den zwanziger Jahren sind zu Recht in Vergessenheit geraten. Wolf nähert sich dem Preußen-König seit 2001 in mittlerweile zwölf Bänden seiner Krimireihe. Er wolle ihn weitestgehend originalgetreu aus den zeitgenössischen Quellen schöpfen, sagt Wolf. Bei ihm darf Friedrich muffig riechen, mit Tabakkrümeln im unrasierten Gesicht, und ein derbes Preußen-Berlinerisch sprechen, also so sein, wie er wohl wirklich war.

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